Wandern im Nebel ist doof

Wandern im Nebel ist doof. Das sage ich nicht leichtfertig. Ich bin schliesslich eine von denen, die sonst behaupten, schlechtes Wetter existiere nicht – nur falsche Kleidung.

„Das ist kein Grund zum Jammern“, sage ich gerne, wenn andere über Regen, Wind oder Kälte klagen. „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt …“

„… nur die falsche Kleidung“, ergänzt mein Compagnon regelmässig. Er kennt diesen Satz gut. Er hat ihn oft genug von mir gehört.

Der Nebel allerdings stellt diese Überzeugung infrage.

An diesem Tag fuhr ich bei wolkenfreiem Himmel von zuhause los. Ziel: ein Berg in einer weiter entfernten Region. Als ich einige Zeit später am Ausgangspunkt der Wanderung ankam, lag dort dichter Nebel. Und es war kalt. Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Pech“, murmelte ich.

Trotzdem zog es mich hinaus. Mir war nach Berg, nach Bewegung. Die Luft roch schwer und kalt, ein wenig nach Rauch. Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, bei solchem Wetter durch Wald und Hang aufzusteigen. Aber ich war nun einmal hier. Vielleicht, redete ich mir ein, wäre es sogar witzig, im Nebel zu wandern. Vielleicht würde ich ja Feen begegnen. Oder Nebelgeistern.

Es war witzig. Sehr witzig.

Kalt und nass. Denn inzwischen hatte auch noch Nieselregen eingesetzt. Ich beschwere mich selten über das Wetter, doch nun wurde mir mulmig. Der Nebel war überall. Er verschluckte Bäume, Sträucher, Tannen – einfach alles. Den Pfad durch diese neblige Waldwelt erahnte ich mehr, als dass ich ihn sah. Dunkelgrüne Tannen, kahle Laubbäume: Alles verschwand im grauen Nichts. Sicht hatte ich nur bis zur eigenen Hand.

Erst was direkt vor mir lag, wurde wirklich sichtbar. Der Weg war nass und dicht mit braunem Laub bedeckt. Die Feuchtigkeit sickerte in den Boden, das Laub raschelte kaum unter meinen Schuhen. Am Wegrand leuchteten plötzlich filigrane, grüne Farnblätter. Wasser tropfte von den Tannen. Die Vögel schwiegen. Die Luft stand still. Und doch knackte und zischte es – ein leises, unheimliches Geräusch, wie in einem Zauberwald voller unsichtbarer Wesen.

Glaubte ich an Nebelgötter? An Feen? An Geister?

War ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Wohin führte mich dieser Pfad? Vor einigen Minuten war ich in den Wald abgebogen, ohne wirklich zu wissen, ob es richtig war. Es war der einzige Weg gewesen. Meine Wanderkarte half mir hier überhaupt nicht. Zum ersten Mal forderte mich der Nebel ernsthaft heraus. Er hüllte mich vollständig ein, machte mich unsichtbar – für alles.

Ich beschloss zu vertrauen. Darauf, dass ich ankommen würde. Irgendwo. Und ging weiter.

Der Nebel wurde dichter. Und dunkler.

„Willst du mich herausfordern?“, sprach ich laut in das Grau. „Willst du herausfinden, wer von uns stärker ist?“ Weitergehen oder umkehren? Ich zögerte. Zweifel krochen in mir hoch.

Da lösten sich Nebelschwaden. Einer davon formte sich zu etwas, das aussah wie eine Hand.

Sie griff nach mir.

„Oh nein. Nein!“, rief ich und wich zurück. Die Hand winkte mir zu – und zog an mir vorbei, zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war. Dann löste sie sich auf.

Und plötzlich hörte ich es.

Tang – Tang – Tang – Tang.

Ein rhythmisches Schlagen. Mit Echo. Es kam von überall. Oder von nirgendwo. War es nah? Oder weit weg? Der Nebel blieb stumm, doch ich verstand: Die Hand hatte zu mir gesprochen.

Ich kehrte um.

Würde ich wieder dort ankommen, wo ich gestartet war?

Tang – tang – tang – ta-tang.

Menschen. Das Echo verriet es. Kurz darauf stand ich unvermittelt am Waldrand. Die Wiese vor mir war aus dem Nichts aufgetaucht. Ein dunkler Schatten auf der grün-grauen Fläche zog mich an. Beim Näherkommen entpuppte er sich als Insektenhotel – kurz hatte es wie ein kleines Lebkuchenhaus ausgesehen.

Tang – Ta-Tang – Tang – Ta-Tang.

Ich folgte dem Geräusch. Eine Strasse tauchte auf. Nass, dunkel, im Nebel kaum zehn Meter einsehbar. Meine Schritte klangen überlaut. Die Strasse schien sich vor mir aufzulösen und doch blieb sie immer gleich lang. Nichts veränderte sich. Auch das Hämmern nicht. Ich ging weiter. Vertrauend.

Dann erschienen zwei Schatten. Erst grau, dann leuchtend orange. Zwei Männer standen breitbeinig auf der Strasse, hoben ihre Vorschlaghämmer und liessen sie mit voller Wucht niedersausen.

Gemeindemitarbeiter.

Sie rissen die Strasse auf. Ein Dorf konnte also nicht weit sein. Ich blieb stehen, fragte zaghaft nach dem Weg. Einer zeigte in den Nebel: eine Kurve, rechts abbiegen, hundert Meter geradeaus. Diese Abzweigung hatte ich zuvor übersehen.

Zehn Minuten später tauchten dunkle Gemäuer aus dem Grau auf. Der Dorfplatz. Eine Bushaltestelle. Ich blieb. Bewegte mich nicht mehr weg. Schatten huschten an mir vorbei.

Später sass ich im warmen Bus. Die Sicht reichte kaum bis zum nächsten weissen Leitpfosten. Lichter tauchten aus dem Nebel auf und verschwanden lautlos wieder. Kahle Bäume wurden erst heller, dann dunkler.

Selten hatte ich mich so sehr auf die warme Stube gefreut. Auf Kerzenlicht. Auf Kaffee. Auf selbstgebackenen Kuchen.

Ich fuhr dem neblig-kalten Tag davon.

Später, in der Wärme, dachte ich an meine Sätze von früher. An das grosszügige Reden vom falschen Wetter und der richtigen Kleidung. Im Nebel hatten sie nicht getragen. Dort half kein Spruch, keine Haltung, kein Trotz.

Der Nebel hatte mir etwas anderes abverlangt: Anzuhalten. Umzukehren. Vertrauen abzugeben.

Er zog weiter.

Der Berg blieb.


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