Neuanfänge: Ernte und Erkenntnis

Neuanfänge im Leben beginnen oft leise. Das Wachsen danach braucht Zeit. Davon erzählen meine Beiträge Neuanfänge: Die stille Kraft des Frühlings und Neuanfänge: Stille Wende.

Der Sommer bedeutet Leben. Endlose Nächte, die sich am nächsten Morgen bemerkbar machen. Es ist wie ein schier endloser Mittsommernachtstraum. Menschen sind offener, spontaner, geselliger – und irgendwie scheint das Leben dadurch leichter.

Nun steht der Herbst vor der Tür. Konkret hat er heute in der Früh, um 02.05 Uhr, begonnen. Ich frage mich: Was kann diese Jahreszeit mit einem Neuanfang zu tun haben? Was hat der Herbst mit Wachstum zu tun?

Gerade war noch Sommer

Gerade noch verbrachte ich einen heißen Tag in Shorts und Kurzarm-Shirt auf dem See. Gerade noch sah ich, wie sich die Blätter des wilden Weins an den vielen Quai-Mauern langsam verfärbten. In den Rebbergen beobachtete ich die Menschen bei der Traubenlese. Gerade noch aß ich ein Eis. Gerade noch sassen wir zum Essen auf der Terrasse.

Und gerade stellte ich mir noch ganz sommerliche Fragen: Soll ich noch einmal ein Sommerkleid kaufen? Noch einmal ans Meer reisen? Noch einmal Melone kaufen? Noch einmal zum Sommerhit tanzen?

Doch die Temperaturen sinken (endlich). Die Luft ist kühler geworden, die Tage werden kürzer, die Kraft der Sonne spürbar schwächer. Ich verabschiede mich vom Sommer.

Im Juni lag er voller Versprechungen und Verlockungen vor uns. Für Wachstum, das Zeit braucht. Dann kamen die Hitzewellen, mit Zugabe sogar noch im September. Und nun schleicht sich der Sommer langsam, aber sicher davon. Wann genau sein letzter Tag ist, wissen wir nicht.

Was bedeutet das für unseren eigenen Neuanfang? Für das Wachstum, das wir uns vorgenommen haben?

Wieder nehme ich mir die Natur zum Vorbild.

Viele Sträucher und Pflanzen in meinem Garten haben Hitze und Trockenheit besser überstanden als erwartet. Einheimische Wildpflanzen und Blumen, die ich im Frühjahr frisch gepflanzt hatte, entwickelten sich trotz Wassermangel erstaunlich gut. Die Früchte ernteten wir in unerwarteten Mengen.

Nur im Gemüsegarten wuchs kaum noch etwas. Immerhin schützte die Gründüngung die nackte Erde vor der sengenden Sonne. Und noch ist die Trockenheit nicht überwunden, auch wenn die Landschaft rund um uns wieder in frischem Grün leuchtet.

Der Herbst ist Erntezeit

Der Herbst schenkt mir ein riesiges Buffet an Schlemmereien: Früchte, Gemüse, Kürbisse, Kastanien, Nüsse, Pilze, Honig, Wildfrüchte. Eine Fülle, die den Körper mit Vitaminen und Mineralien versorgt und sich teilweise als Vorrat für den Winter bewahren lässt.

Ich liebe diese Fülle.

Andere Menschen verbinden den Herbst mit Abschied, mit der sterbenden Natur, mit Trauer und Schmerz oder gar mit dem Lebensabend. Für mich erzählt er zunächst einmal von Ernte.

Trotz der Hitze habe ich den Sommer genossen. Viele Erlebnisse und Erfahrungen aus Festen, Ferien und Ausflügen sind noch frisch. Ich habe Sonne getankt, Menschen getroffen, Eindrücke gesammelt.

Und so, wie ich nur gute Lebensmittel als Wintervorrat einmache, möchte ich auch von diesem Sommer bewahren, was mir wertvoll ist.

Ich ernte Stärken und Erfolge. Erfahrungen, auf die ich später zurückgreifen kann. Begegnungen, die mich bereichert haben. Erinnerungen, die bleiben dürfen.

Der Herbst ist eine wunderbare Zeit, das bisher Erreichte anzuschauen. Nicht um eine Bilanz mit Soll und Haben aufzustellen. Sondern um wahrzunehmen, was gewachsen ist.

Neu orientieren

Der Herbst ist für mich die farbigste und schillerndste Jahreszeit. Gleichzeitig ist er Übergang: vom Sommer in den Winter, vom Außen zurück ins Innen.

Ich beginne, meine Aktivitäten wieder stärker ins Haus zu verlegen. Der Alltag verändert sich. Kleidung und Schuhe werden gewechselt, die Tage anders organisiert. Auch innerlich sortiert sich etwas neu. Der Wechsel von der hellen in die dunklere Jahreszeit geschieht nicht auf einen Schlag. Er vollzieht sich langsam – draußen in der Natur und in mir.

Weil ich mir im Sommer Zeit genommen habe, meine Energien aufzutanken, fühle ich mich zunächst noch voller Kraft. Mein Lebensrhythmus erreicht im Herbst noch einmal ein Hoch.

Vielleicht ist gerade das der besondere Moment dieser Jahreszeit: Noch einmal hinausgehen, noch einmal genießen, noch einmal sammeln.

Und gleichzeitig wissen, dass die Zeit des Rückzugs näherkommt.

Rückzug und Ruhe

Irgendwann sind die Gartenmöbel versorgt, Terrassen und Balkone aufgeräumt. Der Garten ist für den Winter vorbereitet, der Boden geschützt, Sträucher sind geschnitten. Die Ruhephase des Winterhalbjahres kündigt sich an.

Auch die Pflanzen ziehen ihre Kräfte zurück. Was im Sommer sichtbar nach außen gewachsen ist, zieht sich wieder in die Wurzeln zurück. Die Erde wird zum Speicher. Sie bewahrt, was sie im Sommer hervorgebracht hat, und wartet.

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Auch wir Menschen können nicht ununterbrochen nach außen leben. Wir brauchen Zeiten, in denen wir Kräfte sammeln, innehalten und wieder standfest werden.

Die Sommererlebnisse sind inzwischen zu Erinnerungen geworden. Ich bewahre sie auf – nicht als etwas, an dem ich festhalten muss, sondern als Teil meiner Geschichte.

Und obwohl ich mich noch energiegeladen fühle, beginne ich, sorgsamer mit meinen Kräften umzugehen. Der Herbst lädt dazu ein, genauer hinzusehen:

  • Was habe ich bisher erreicht?
  • Was möchte ich bewahren?
  • Was hat mich Kraft gekostet?

Und bei welchen Dingen frage ich mich inzwischen, ob sie diesen Preis noch wert sind?

Schreiben, Freizeit, Partnerschaft, Familie, Pflichterfüllung – wie viel von dem, was ich tue, geschieht aus Freude und wie viel aus einem Gefühl des Müssens?

Schutz für das Herz

Im späteren Herbst stelle ich mich immer mehr auf den Winter und seinen Ruhemodus ein. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf den kleinsten Kreis der Menschen, die mir wirklich nahestehen. Wie eine Schmetterlingsraupe ziehe ich mich vom Trubel, von Überraschungen und Aufregungen des Alltags zurück. Ich spinne mein privates, häusliches, intimes Netzwerk.

Ich schütze mich.

Auch wenn ich im Sommer großzügig und offen bin, kann ich mein Herz nicht jedem Menschen auf der Welt bloßlegen. Ich kann meine Schwächen nicht vor allen ausbreiten und jeden auf der Straße umarmen, nur weil ich vor Freude und Glück über eine Buchveröffentlichung das ganze Universum in die Arme schließen möchte.

So wie die Erde beginnt, sich mit ihrem Wintermantel zu schützen, brauche auch ich einen Schutz für mein Herz.

Ein solcher Schutz bedeutet nicht, seine Schwächen zu verstecken. Er bedeutet vielmehr, zu wissen, wem man sie zeigen kann.

Eine Herzensbeziehung braucht Offenheit, gegenseitigen Respekt und Achtung. Die wenigsten Menschen können ihre empfindlichsten Seiten jedem gegenüber zeigen. Im Alltag stellen wir deshalb oft unsere Stärken heraus und nehmen – je nach Situation – unterschiedliche Rollen ein.

Daran ist nichts auszusetzen, solange wir dabei aufrichtig bleiben. Aber ich muss wissen, bei wem ich mein Herz ausschütten kann. Und bei wem ich es besser nicht tue.

Erst wenn ich immer mehr mit mir selbst übereinstimme, brauche ich diese Rollen weniger. Bis dahin ist es ein Weg.

Der Winter ist genau dafür da: Im Schutz des engsten Familien- und Freundeskreises die Maske ablegen zu können. Bei Menschen zu sein, die mich lieben und schätzen, wie ich bin. Mich mit Dingen zu umgeben, die mein Herz erwärmen, mich stärken und mir Freude machen.

Und doch brauchen auch diese geschützten Räume manchmal ein Gewitter. Gefühle wollen nicht immer leise sein. Manchmal müssen sie sich entladen – so wie die Herbststürme draußen vor der Tür.

Den Herbst mit allen Sinnen genießen

Im Herbst fühle ich mich in besonderer Weise mit der Natur verbunden. Ich werde hinausgelockt, wenn die Sonne in die gelb-rote Herbstfärbung der Bäume scheint und der „goldene Oktober“ mir den Abschied vom Sommer etwas leichter macht.

Es gibt so viel zu entdecken.

Ich spüre die Sonne im Gesicht und gleichzeitig den Wind, der schon erstaunlich frisch um die Ecken pfeifen kann.

Ich sehe die Farbvielfalt des Herbstlaubs, den Glanz und die unglaublichen Braunschattierungen der zu Boden gefallenen Rosskastanien, das leuchtende Rot der Hagebutten. Spinnweben verwandeln sich durch kleinste Wassertropfen in glitzernde Kunstwerke.

Ich rieche das Aroma frischer Pilze und die nebelfeuchte Erde von Wald und Wiese.

Ich höre das Rascheln des Herbstlaubs unter meinen Füßen und sein sanftes Knistern, wenn es zu Boden fällt.

Und schließlich schmecke ich den Herbst. Ich sammle Beeren, Esskastanien und essbare Pilze, nehme sie mit nach Hause und genieße sie mit einem Glas neuen Wein oder Traubenmost.

Später im Herbst zieht sich das Leben wieder nach drinnen zurück. In die Wärme der Wohnung, des Hauses. Ich genieße die Herbstspeisen, das Kaminfeuer und die Gemütlichkeit. Wenn ich hinausgehe, ziehe ich mich warm an. Mehrere Schichten, gute Schuhe, Mütze und Handschuhe schützen mich vor Kälte und Feuchtigkeit.

Auch die Erde zieht sich zurück. Ihre Wärme wandert nach innen. Frost und Kälte legen sich über sie und schützen die Millionen von Samen und Sämlingen in ihrem Inneren.

Wie eine Mutter, die ihre Kinder schützt.

Was wirklich gut tut

Liegt darin eine der Erkenntnisse des Herbstes?

Was mir wirklich guttut, ist nicht immer das, was andere mir empfehlen. Nicht das, was Medien beschreiben. Nicht einmal das, von dem ich selbst glaube, dass ich es unbedingt brauchen müsste.

Manchmal weiß ich es zunächst selbst nicht. Die Antworten liegen irgendwo in mir und warten darauf, entdeckt zu werden. Was guttut, ist persönlich. Und manchmal überraschend.

Nicht alles, was belastet, lässt sich einfach weglassen. Manchmal braucht es eine Veränderung, manchmal Geduld, manchmal den Mut, eine Gewohnheit oder eine Rolle infrage zu stellen.

Genau dafür ist die Herbstzeit gut. Sie zwingt nichts. Sie erklärt nichts.

Sie zeigt nur, was gewachsen ist. Was Früchte getragen hat. Was bleiben darf. Und was sich langsam zurückziehen darf, damit im nächsten Frühjahr wieder etwas Neues entstehen kann.

Manchmal braucht es dafür einen Menschen, der uns auf etwas aufmerksam macht, das wir selbst noch nicht sehen.

Und manchmal reicht ein stiller Herbsttag, ein Blick auf die fallenden Blätter – und plötzlich wissen wir es.


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