Ich sitze im Garten. Die Luft ist schwer und heiss zugleich. Die Hitze der vergangenen Tage liegt in den Steinen des Sitzplatzes gespeichert. Nach kühlen und regnerischen Tagen sind die Temperaturen rasch gestiegen. Es ist, als hätte der Sommer Anlauf genommen.
Die letzten Pfingstrosen sind jetzt auch verblüht. Die Erde und das Gras im Garten sind trocken. Über den Hügeln ziehen ein paar Blumenkohl-Wolken davon. Der Himmel ist tief blau und in den Bäumen zwitschern die Schwalben ihre Lieder.
Ich atme ein und denke an die Sommersonnenwende, die kurz bevorsteht. Am 21. Juni. Um 10:25 Uhr. Der Moment, in dem die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und sich zu wenden beginnt. Man sieht diese Wende nicht. Aber man spürt sie.
Vielleicht ist das bei einer Wende im Leben genauso.
Nach dem Neuanfang kommt die Wende
Im Frühling schrieb ich darüber, dass Neuanfänge oft leise beginnen. Wie ein Same, der im Verborgenen aufbricht. Nicht als großes Ereignis, sondern als kaum wahrnehmbarer Moment. Und ich habe mir die Frage gestellt: Wo im Leben kündigt sich gerade ein Neuanfang an?
Heute, kurz vor der Sommersonnenwende, beschäftigt mich eine andere Frage: Was geschieht danach?
Lange glaubte ich, nach einem Neuanfang im Leben müsse sofort alles anders werden. Als gelte es, sofort wieder zu neuer Hochform aufzufahren. Sei es nach einer Trennung, einer Krankheit oder einer beruflichen Veränderung. Als würde das neue Leben am nächsten Morgen fertig vor der Tür stehen.
Doch so funktioniert Wandel nicht. Ein Neuanfang allein verändert noch kein Leben. Ein Neuanfang muss nicht nur beginnen. Er muss verdaut werden.
Und – niemand spricht darüber, dass auch das Neue Zeit braucht. Dass es wachsen, sich entfalten und seinen Platz im Leben finden muss.
Die Sommersonnenwende und das innere Feuer
Die Sommersonnenwende markiert den Höhepunkt des Lichts. Die Sonne steht am höchsten. Die Natur entfaltet ihre größte Kraft. Wachstum ist nun nicht mehr nur eine Verheißung wie im Frühling – es wird sichtbar: das Getreide auf den Feldern, die Früchte in den Bäumen, die Blumen im Garten und in den Wiesen.
Auch beim Menschen gibt es solche Höhepunkte. In vielen traditionellen Heilkunden gilt zum Beispiel die Mittagszeit als die Phase, in der das Verdauungsfeuer am stärksten ist. Der Organismus kann Nahrung jetzt besonders gut aufnehmen, aufschließen und in körpereigene Substanz verwandeln.
Mich fasziniert dieser Gedanke. Denn bei einer Wende im Leben geschieht genau dasselbe.
Ein Neuanfang bringt etwas Neues hervor. Eine neue Situation. Eine neue Erkenntnis. Eine neue Wirklichkeit. Doch damit sie Teil unseres Lebens werden kann, muss sie verarbeitet werden.
Wir verdauen nicht nur Nahrung
Ich erinnere mich gut an die Zeit nach meiner Krankheit. Als ich glaubte, das Schwerste läge hinter mir und das neue Leben begänne automatisch. Ich war gesund. Ich war dankbar. Ich hatte überlebt. Ich fühlte mich stark. Und trotzdem stand ich vor einem grossen Nichts.
Dann begann etwas anderes. Die Veränderungen selber hatte ich verarbeitet. Ich musste jetzt lernen, wer ich geworden war und mich im Alltag neu bewegen.
Heute glaube ich: Wir verdauen nicht nur Nahrung. Wir verdauen auch Erfahrungen, Gespräche, Abschiede, Entscheidungen und – Neuanfänge. Alles, was wir erleben, muss einen inneren Stoffwechsel durchlaufen. Was zunächst fremd ist, wird langsam Teil von uns.
Die Wende braucht ein inneres Feuer
Nach einem Neuanfang beginnt also eine andere Arbeit. Nicht die des Aufbrechens. Sondern die des Nährens und Wachsen. Die Natur zeigt es uns im Sommer. Das Licht erreicht seinen Höhepunkt. Das Wachstum wird sichtbar. Und – was im Frühling ausgesät und angelegt wurde, muss genährt und gepflegt werden.
Auch wir tragen ein solches inneres Feuer in uns. Ein Feuer, das nicht nur Nahrung verarbeitet, sondern alles, was uns im Alltag begegnet: Erfahrungen, Beziehungen, Verluste und Hoffnungen. Wir nehmen sie auf. Und mit der Zeit werden sie Teil von uns. Oder sie bleiben unverdaute Fremdkörper.
Die Kunst des Aufnehmens
Fällt uns Wandel deshalb oft so schwer? Nicht weil wir zu wenig haben, sondern weil wir zu viel aufnehmen? Zu viele Informationen. Zu viele Meinungen. Zu viele ungeeignete Lebensmittel. Zu viele Möglichkeiten. Zu viele Erwartungen.
Unser Organismus ist ein erstaunliches Kraftwerk. Er kann aus vielem noch etwas Wertvolles gewinnen. Doch jede Verarbeitung braucht Energie. Wer mitten in einer Lebenswende steht, spürt das oft besonders deutlich. Man wird müde. Unkonzentriert. Überfordert. Nicht weil man schwach ist. Sondern weil innerlich viel Arbeit geschieht.
Weniger – als eine Form von Reichtum
Die Natur macht es im Sommer vor. Sie wächst nicht hektisch. Sie konzentriert ihre Kraft. Das ist die eigentliche Einladung dieser Jahreszeit. Nicht mehr aufzunehmen. Sondern Fragen zu stellen und besser auszuwählen.
- Was nährt mich wirklich?
- Welche Gedanken tun mir gut?
- Welche Menschen stärken mich?
- Welche Nahrung gibt mir Kraft?
- Welche Informationen helfen mir beim Wachsen?
Alles, was auch unser inneres Kraftwerk nährt. Manchmal entsteht Fülle nicht durch ein Mehr. Sondern durch das Weglassen von etwas, das unnötig geworden ist.
Und vielleicht heute …
Die Sommersonnenwende erinnert mich daran, dass Wachstum Zeit braucht. Nicht alles muss sofort blühen. Nicht alles muss heute verstanden werden. Manches darf weiter reifen. Wie das Getreide auf den Feldern. Wie die Früchte an den Bäumen. Wie wir selbst.
Wenn du gerade mitten in einer Veränderung stehst, frage dich:
Was in meinem Leben braucht nicht einen neuen Anfang, sondern Zeit zum Wachsen?
Schreib die erste Antwort auf, die auftaucht. Nicht die ehrgeizige. Nicht die ungeduldige. Aber die ehrliche.
Manches lässt sich nicht beschleunigen. Der Frühling hat den Samen aufbrechen lassen. Der Sommer gibt ihm Kraft zum Wachsen. Im Herbst werden wir sehen, was daraus geworden ist.
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