Ein Sommer in der Surselva

Ihre Lider flackern, mühsam öffnet sie die Augen und sieht sich um: sie liegt in einem fremden Bett in einem grossen, hellen Zimmer. Die Holzmöbel und dunklen Holzbalken an der Decke wirken bäuerlich. Wo bin ich, murmelt sie. Sie fasst sich an den Kopf. Schmerz! Sie versucht aufzusitzen. Schmerz schiesst durch ihren Körper! „Verdammt, was ist los?“, sagt sie laut und fällt zurück ins Bett.

„Ja, das frage ich mich auch“, sagt der dunkelhaarige, mittelgrosse, stattliche Mann mit Fünf-Tage-Bart an der Tür in breitem Bündner-Dialekt. Mit einer weiten, hellen Schüssel in den Händen tritt er ans Bett und stellt diese auf den Nachttisch. „Ich bin Andrin und habe Sie am Hang vor meinem Heuwender gerettet. Sie lagen bewusstlos und verletzt im Gras. Jetzt wasche ich erst einmal das Blut ab und rufe dann den Dorfarzt her.“

Die Frau schüttelt den Kopf. „Aua!“ krächzt sie und verzieht schmerzerfüllt das Gesicht. „Ich erinnere mich nicht“, sagt sie verständnislos. „Wo bin ich hier?“

„Auf meinem Hof oberhalb vom Lej da Breil, zwischen Crest Falla und Spinatsch.“

„Crest Falla, die Bahnstation mit Burleun oberhalb?“

„Ah, das sagt Ihnen was. Gut. Haben Sie auch einen Namen?“

Die Frau öffnet den Mund und ein ungläubiger Blick trifft Andrin. Sie schliesst den Mund, dreht den Kopf zum Fenster, grübelt, dreht den Kopf zurück und sagt resigniert: „Ich erinnere mich nicht.“ Panisch blickt sie ihn an.

Andrin wäscht sanft und stumm das Blut vom Gesicht und der verletzten Körperseite der Frau. „Bis der Dorfarzt hier ist, wird es eine Weile dauern. Am besten ruhen Sie sich aus. Ich lasse Sie alleine, weil meine Arbeit auf dem Hof sich nicht von alleine macht.“ Sagts und verlässt mitsamt der Schüssel das Zimmer. Aber nicht ohne ihr ein Glas und einen Krug Wasser hinzustellen. Sie trinkt wie eine Verdurstende. Ich bin total dehydriert, denkt sie, legt sich wieder hin und ist schon wieder eingeschlafen.

Als der Dorfarzt erscheint, weckt er sie leise. „Sie haben grosses Glück, keine Knochenbrüche, keine inneren Verletzungen, aber Schürfungen und eine leichte Gehirnerschütterung. Das alles deutet auf einen Sturz hin. Halten Sie sich so lange wie möglich still und ruhen Sie sich aus“, befindet der Arzt nach gründlicher Untersuchung. „Andrin hat mir gesagt, Sie erinnern sich an nichts?“ Müde schüttelt die junge Frau den Kopf.

„Haben Sie keinen Ausweis dabei, auch nicht im Rucksack?“, fragt der Arzt.

„Rucksack?“ Sie versucht aufzusitzen und fällt stöhnend zurück in die Kissen.

„Ja, hier liegt Ihr Rucksack. Darf ich?“ Sie nickt.

Der Arzt öffnet die Aussentaschen, findet ein Portemonnaie und darin die Identitätskarte. „Sandra Mühlemann, 32 Jahre, Kanton Thurgau. Klingelt da etwas?“, fragt er.

„Sandra … Sandra“, flüstert sie, schaut den Arzt verstört an und schüttelt vorsichtig geworden ihren Kopf. Sandra, flüstert sie wieder und wieder. „Geben Sie mir den Ausweis?“, bittet sie den Arzt und hält ihn in den Händen, dreht ihn um, liest die Daten. „Ich kann nichts damit anfangen. Ich habe keine Ahnung wer ich bin, was passiert ist und woher ich komme. Wenn ich aber diesen Ausweis dabeihabe, werde ich das ja wohl sein, oder?“

„Den Kleidern und Schuhen nach waren Sie unterwegs in den Bergen und sind gestürzt. Aber ohne Verletzungen, mit denen ich Sie in ein Spital einweisen müsste. Ich spreche mit Andrin, ob er Sie einige Tage beherbergen kann, bis Sie wieder auf die Beine kommen. Er vermietet ja sonst auch sein Maiensäss. Ich denke, mit viel Ruhe werden Sie sich wieder erinnern können. Und – ich werde jeden Tag raufkommen, um nach Ihnen zu sehen.“

„Danke“, sagt Sandra und schläft völlig erschöpft ein, sobald der Arzt das Zimmer verlassen hat.

Zwei Tage schläft sie durch, fühlt sich überraschend erfrischt und steht auf. Die Schürfungen im Gesicht und am Körper trocknen und der Körper ist übersät mit blaugrünen Flecken. Es ist Mittagszeit, als sie aus dem Haus auf die Terrasse tritt, mit den Händen vor den Augen, weil das helle Sonnenlicht sie blendet. Sie verbringt den Nachmittag in dieser unglaublichen Ruhe, unter wolkenlos blauem Himmel, die herrliche Bergkulisse mit Piz Tumpiv und Muot da Rubi im Rücken. Das Tal unter ihr sieht sie nicht, aber hinüber auf Obersaxen, der mit kleinen Dörfern übersäten Ebene, die grünen, bewaldeten Hügel und dem Piz Mundaun ganz links, dahinter wähnt sie das Val Lumnezia. Sie lauscht dem Vogelgezwitscher, dem Blöken der Schafe, dem Summen und Zirpen in den saftigen, duftenden Wiesen voller Wildblumen. Eine einzige Farbenpracht. Am Abend isst sie mit grossem Appetit die von Andrin zubereiteten Maluns, und geht früh wieder schlafen.

Am anderen Vormittag – immer noch ohne Spur einer Erinnerung – erblickt sie Andrin mit einem Schaf in den Armen auf den Hof zulaufen und steht bockstill da, sieht das blutüberströmte Tier. Schwindel erfasst sie und sie rennt wie von Sinnen auf ihr Zimmer, legt sich aufs Bett. So viel Blut … doch dann kommen auf einmal die Erinnerungen: Wie sie von der Bifertenhütte herkommt, wo sie übernachtet hat, über Rubi Sura und Alp Quader bergabwärts unterwegs ist. Wie auf einmal ihr linker Fuss wegkippt und sie stürzt, im letzten Moment den grossen Stein auf dem Weg sieht, dann alles schwarz wird. Wie sie später aufsteht, das viele Blut bemerkt und der Abend dämmert, sie instinktiv weiter absteigt. Wie eine Stimme in ihr sagt, sie muss nach Burleun, dann runter nach Breil. Wie ihr immer wieder schwindlig wird und sie Pausen macht. Wie sie in der aufkommenden Dunkelheit die Bergwanderwegzeichen nicht mehr findet und irgendwo stehen bleibt: erschöpft, blutend, durstig und mit diesem verdammten Schmerz am ganzen Körper. Dann nichts mehr …

Erwacht bin ich in diesem Zimmer, denkt sie. Warum war ich denn alleine unterwegs … Werner! Der Schmerz zerreisst ihr Herz, sie ballt die Hände zu Fäusten. Wie ein Film spult die komplizierte Beziehung zu dem verheirateten Mann vor ihren Augen ab, der als Lehrer an derselben Schule unterrichtet, in der sie als Botanikerin unterrichtet hat und dann Leiterin der Schulverwaltung wird. Die Beziehung bleibt geheim, bis sie endlich ihren ganzen Mut zusammennimmt und ihn zur Rede stellt. Sie hat keine Kraft mehr für Heimlichkeiten und all seinen Beteuerungen, dass er nur sie liebe. Sie will endlich Klarheit. Er bricht zusammen und sagt heulend, dass er sich nie von der Familie trennen wird …

Ich bin geflohen, erinnert sie sich. Ich wollte raus und für eine Weile weg: von ihm, von der Arbeit und habe mich abgemeldet. Die Sommerferien stehen sowieso vor der Tür. Die Kollegen haben mich ermuntert, sie würden es ohne mich schaffen … Ich kann wieder etwas mit meinem Namen anfangen, denkt sie und weiss wieder, wo ich wohne und arbeite. Aber wer ich wirklich bin weiss ich nicht mehr. Stets für andere da und auf der Strecke geblieben! Das muss ändern, kapiert sie auf einmal …

Erst am Abend steht sie auf. Geht nach unten auf die Terrasse. Andrin hat Feierabend und sitzt am Tisch mit einem Bier in der Hand. Er sieht Sandra an, die ganz blass ist.

„Ich kann mich erinnern. Das blutige Schaf“ …, sagt sie leise und verzieht vielsagend ihr Gesicht. Stockend erzählt sie ihre Geschichte.

„Ich habe jetzt lange Ferien, mein Auto steht an der Bahnstation von Breil“, endet sie, „und – ich möchte gerne dein Maiensäss mieten und dir auf dem Hof helfen, als Gegenleistung, dass du mich gerettet hast“…

%d Bloggern gefällt das: