Beeil dich!

Erica sitzt aufgebracht in ihrem schwarzen Auto, weil sie vor der Ausfahrtsschranke des Einkaufszentrums feststeckt. Es ist Samstag, sie hat kurz vor Ladenschluss ihre Einkäufe erledigt, sie eingepackt und vergessen, ihr Ausfahrtsticket zu entwerten. Das darf jetzt nicht wahr sein, regt sie sich auf.
Hinter ihr hupt jemand und Erica interpretiert das als: „Beeil dich!“ Auch das noch, denkt sie. Im Rückspiegel sieht sie einen weissen SUV. Sie verspannt sich und fühlt sich von dem Autofahrer gestresst. Hilflos betrachtet sie die Säule neben ihr und sieht keinen Gegensprechknopf, aus dem ihr jemand sagen könnte, was sie jetzt tun soll.

Ja … ICH habe vergessen, das Ticket zu entwerten. Ich brauche mich nicht zu ärgern und auch nicht stressen zu lassen. Was ich brauche ist ein Ausfahrtsticket! Und zwar jetzt. Aber bitte schön, ohne Eile, redet sie sich ein. Sie legt den Sicherheitsgurt ab, nimmt ihr Portemonnaie aus der Handtasche, schaltet den Warnblinker ein, entfernt den Autoschlüssel und steigt aus.

„Beeil dich.“ hupts hinter ihrem Rücken. Sie bleibt kerzengerade stehen.

Ja, ja … Blödmann!

Sie schreitet zur Parkkasse, ohne den Fahrer des SUV zu beachten, die weisse Parkkarte hält sie so in den Händen, dass er eins und eins zusammenzählen könnte. Erica hat null Bock, sich mit einem aggressiven Autolenker auseinanderzusetzen. Sie will nach Hause, die Füsse hochlegen und nichts tun. Sie ist Botanikerin und hat eine arbeitsreiche Woche hinter sich. Bei der Kasse löst sie das Ausfahrtsticket, kommt zurück und steigt ins Auto. Der weisse SUV steht noch da. Der einzige Wagen ausser ihrem auf den beiden Ausfahrtsspuren.

Warum der nicht längst auf der zweiten Spur die Ausfahrt genommen hat, ist mir echt ein Rätsel, denkt sie sich.

Es hupt weiter: „Beeil dich.“

Erica versorgt ihr Portemonnaie, schnallt sich an, startet den Motor und schaltet den Warnblinker aus.

„Beeil dich“, hupt es ungeduldiger.

Sie schüttelt ungläubig den Kopf, öffnet das Autofenster und schiebt das Ticket in den Säulenschlitz. Die Schranke hebt sich und sie fährt los. Langsam, denn gleich kommt noch eine Verkehrsampel und die steht auf Rot … Der weisse SUV folgt auf ihrer Spur. Es wird grün, sie fährt los. Der SUV folgt, fährt aber nicht auf und stresst nicht. Unten an der Hauptstrasse, beim Kreisel, biegt Erica nach rechts ab, der SUV fährt weiter. Erica atmet tief aus, sie hat kaum bemerkt, dass sie den Atem angehalten hat wegen des blöden Typen.


Eine Woche später, am Sonntag, ist Erica bei ihren Eltern eingeladen. Gemeinsam feiern sie den Muttertag. Wie sie ankommt stutzt sie. Weisser SUV? Irgendwie kommt er ihr bekannt vor. Sie klingelt und tritt ein. Ihre Mutter kommt ihr entgegen, modisch gekleidet und frisiert wie immer.

«Hallo, mein Schatz, schön, dass du da bist. Dein Vater ist auf der Terrasse mit unserem Gast. Geh hin, ich bringe gleich den Apéro.»

Erica läuft durch den Gang, das Wohnzimmer und zur offenen Terassentür. Sie hört ihren Vater laut lachen und tritt zu ihm: «Hallo Vater», und umarmt ihn von hinten. Dann sieht sie auf und – direkt in diese dunklen Augen von – Enrico. Sie erschrickt.

«Enrico? Was machst du hier?»

«Hallo Erica, freut mich auch, dich zu sehen. Ja, es ist lange her.»

«Seit wann bist du zurück?»

Die Mutter kommt nach, drückt jedem ein Glas Prosecco in die Hand. «Auf die Rückkehr von Enrico. Schön, dass du für heute unsere Einladung angenommen hast.»

Verwirrt und mit zitternden Händen setzt Erica sich in einen der Loungesessel. Wie im Traum folgt sie dem Gespräch, hört zu, was Enrico von seinem Einsatz als Arzt in Tansania erzählt. Sie beteiligt sich wenig. Nach dem Essen geht sie in den grossen Garten ihrer Eltern und schnuppert. Wie das schon nach Sommer duftet …

«In Tansania gibt es keine Jahreszeiten, das ganze Jahr ist ein einziger Sommer mit stets blühenden Blumen», hört sie Enrico’s Stimme neben ihr.

«Ist das dein weisser SUV vor dem Haus?», fragt sie ihn.

«Ja, erkennst du ihn?» Enricos Mundwinkel heben sich amüsiert. «Dir kann man hupen, so viel man will, du reagierst wirklich nicht!

Erica’s Gesichtsfarbe wird puterrot, dann weiss: «Wieso …? Du warst das beim Einkaufszentrum? Das war so peinlich und deine Huperei hat mich so geärgert. Ich habe vergessen, das Parking zu bezahlen. Warum hast du nichts gesagt?»

«Du hast kategorisch nicht geschaut und ich wollte dich nicht mit mir erschrecken!», entgegnet Enrico belustigt.

Erica kontert: «Das kannst du laut sagen, so schnell wie du damals abgehauen bist!» Sie lernte ihn kennen, verliebte sich Hals über Kopf, dann verschwand er von einem Tag auf den anderen und sie erfuhr von ihrer Mutter, dass er nach Afrika abgereist war. Sie war wütend und enttäuscht, so ein Verhalten hat von ihm nicht erwartet. Enrico weiss nichts von ihren anderen Gefühlen und sie will nicht erneut verletzt werden. Zurück am Tisch, verabschiedet sie sich bald mit einer Ausrede und fährt nach Hause, hängt ihren Erinnerungen nach. Sie hat den Ernst in seinen Augen gesehen. Sie stürzt sich in ihre Arbeit und geht oft joggen, um den Mann aus ihren Gedanken zu bekommen. Zwei Wochen später, sie ist vom Joggen zurück und hat gerade geduscht, das Haar ist noch nass, als es an der Tür klingelt. Schwungvoll öffnet sie.

«Hallo Erica.» Enrico! Sie starrt ihn an und will spontan die Tür vor seiner Nase wieder zuschlagen, als Enrico ihr einen Strauss Rosen entgegenstreckt: «Darf ich? Ich möchte mit dir reden.»

Sie zögert. Dann lässt sie ihn wortlos eintreten, geht ins Wohnzimmer: «Nimm Platz, trinkst du etwas? Einen Rotwein?»

«Ja, danke, gerne».

Sie stellt die Rosen ins Wasser und kehrt mit zwei Gläsern Wein zurück, setzt sich ihm gegenüber. Enrico erzählt, er habe damals nur noch auf das Abflugdatum gewartet und nicht mit ihrer Begegnung gerechnet. Er habe lieber nichts gesagt, um die wertvolle Zeit nicht kaputt zu machen. Erica erzählt ihm, wie fassungslos sie gewesen sei, noch mehr, als sie über ihre Mutter von seiner Abreise erfuhr.

Enrico senkt den Blick und fährt fort: «Es tut mir leid, dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe. Ich hatte keine Ahnung, was tun. Der Job in Afrika war definitiv und dann habe ich dich getroffen und mich verliebt. Ich wollte dich weder ausnützen noch von dir verlangen, auf mich zu warten. Es waren immerhin fünf Jahre, für die ich mich verpflichtet habe. Als das Datum so kurzfristig kam, hatte ich keine Zeit mehr, lange zu überlegen, ich musste einfach packen und los. So habe ich nur noch deine Mutter informiert in der Hoffnung, du würdest mir verzeihen. Aus diesem Grund habe ich mich auch später nicht gemeldet. Es gab aber keinen Tag in Afrika, an dem ich nicht an dich gedacht habe.»

«Wieso meine Mutter informiert und warum nicht mich?»

 «Ich traf sie, als ich gerade ins Taxi zum Flughafen stieg.» Enrico zuckt mit den Schultern, steht auf, setzt sich neben sie und legt einen Arm um ihre Schultern: «Glaubst du, du könntest mir verzeihen und mit mir neu anfangen? Ohne Afrikaprojekt?»

Für Erica fühlt es sich an, wie nach Hause kommen und er riecht aufregend nach Afrika. Sie schaut ihm in die Augen und merkt, wie Wut und Ärger über sein Verhalten verfliegt und sieht ein, dass sie ihre Gefühle genau für diesen Augenblick schubladisiert hat. «Ja, ich glaube, das kann ich, aber ohne Eile!» …

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