Verloren über dem Silsersee

„Ich sehe es!“, ruft Michael Lena zu. Angekommen auf dem Hügelsattel blicken sie nach unten in eine weite Talsenke, auf ein sonnigen Hochplateau über dem Silsersee. Hohe Engadiner Berge rahmen die Landschaft ein. Auf der linken Seite begrenzen bewaldete Felsen das Hochplateau und verbergen die direkte Sicht auf den Silsersee. Weit vorne liegt ein kleiner Ort auf der Anhöhe, auf den Michael zeigt. Eine Alpstrasse schlängelt sich dorthin. Ein schwarzer Lieferwagen ist unterwegs und wirbelt Staub auf. Lenas Blick kommt zurück auf den Wegweiser neben ihnen. „10 Minuten dorthin. Das schafft keiner. Und der Wegweiser zeigt nach links unten“, unterbricht sie die Stille.

„Ist aber der einzige Ort!“, erwidert Michael.

„Gehen wir dem Wegweiser nach. Dann finden wir es heraus.“

Schon beim Felsvorsprung weiter links bleiben sie wie angewurzelt stehen. Der Blick öffnet sich auf einen bisher verborgenen Teil unter ihnen. Mittendrin eine malerische Bergeller Siedlung. „Das ist es jetzt aber definitiv!“, sagt Michael mit erhobenem Finger.

„Oh wow! Das Dorf sieht ja filmreif aus. Und dann diese Dächer aus Steinplatten. Sie leuchten silbrig in der Sonne … Ich habe gemeint, die Bauern haben das Land und die Häuser aufgegeben?“

„Haben sie auch. Die Häuser sehen renoviert aus. In der Zwischenzeit sind das sicher alles Ferienwohnungen!“

„Da unten ist ein Garten! Die leben ganzjährig hier.“

Schweigend steigen sie den steilen, steinigen Zick-Zack-Weg hinab. „Hast du die Frau hinter dir bemerkt mit dem Wanderstock und dem Kessel?“, fragt Michael unten angekommen. „In der Hälfte des Weges ist sie über die Matten gelaufen.“

„Ein Kessel hat gescheppert, ja. Und Schritte. Das habe ich gehört.“

Dem Pfad folgend, gelangen Lena und Michael ins Ortszentrum, zu einer Wiese wie eine Mini-Hügellandschaft. Zur Rechten steht ein neuerer Brunnen, um den Platz herum die dunklen Holzhäuser, gebaut in einer anderen Zeit. Einige davon sind ehemalige Ställe, jetzt Wohnraum. Blumen zieren zierliche Balkone und kleine Fenster. Zwei Gemüsegärten und ein Hinweisschild an einem Holzstapel. „Grazie“ steht drauf und das Symbol spielender Kinder auf der Rückseite. Das Dorf lebt. Michael breitet weit seine Arme aus. „Hey, wir sind mitten im ‘Heididorf’ angekommen.“

„Ich fühle mich auch wie im Film hier! Ich höre die Ziegen meckern und Schellengebimmel. Heidi, der Geissenpeter und der Alpöhi kommen gleich um die Ecke. Hörst du das auch?“, sagt Lena lachend.

Eine Teepause später verlassen sie den Platz und wandern gemächlich durch die nächste Gasse. Der Alpstrasse gen Buaira folgen, sagt der Wanderführer. Der Wegweiser an der Alpstrasse aber, er zeigt Aufsteigen nach Maloja oder Absteigen nach Plaun da Lej. „Absteigen ist falsch. Buaira ist da oben“, ist sich Lena sicher. Wenn sie wüsste …

„Da sind so viele Schilder und nicht der kleinste Hinweis auf Buaira. Eine verdammte Schlamperei!“, klagt Michael.

Rund 30 Minuten später kommen sie oben am Weiler an. Der schwarze Lieferwagen ist hier parkiert und sie stehen vor dem Schilderwald. „Das ist Blaunca – nicht Buaira!“, seufzt Lena ausser Puste.

Michael verdreht die Augen und wandert gleich weiter. „Blaunca?“ Der schief stehende Wegweiser beim Ortsausgang weist nach Maloja hinunter und hinauf zum Piz Lunghin. „Jetzt stehen wir total im Schilf!“

„Es muss Buaira sein, ich kann doch Karten lesen, verdammt nochmal!“ Wenn Wanderführer und -karten nicht mehr helfen, vertraute Lena bisher ihrer Spürnase und ihrem Bauch-Navi. Entgegen ihrer Überzeugung lud sie die Tourenplaner-App des Wandervereins auf ihr Handy. „Zum Ausprobieren“, wie sie sagte. Diese öffnet sie jetzt und ruft die gespeicherte Tour auf. „Nein! Wir sind völlig falsch! Weit ab vom Weg!“

„Es gibt keinen anderen Weg!“

„Etwas mit dem Tourenplaner stimmt nicht. Er zeigt mir keine Karte. Nur Standortanalyse und den angelegten Weg. Das ist keine Hilfe … das nervt … und ich hab’s gewusst. Null Empfang – ich weiss nicht weiter!“

„Dann gehen wir zurück. Im ‘Heididorf’ sind wir noch richtig gewesen“, stöhnt Michael.

„Ich versteh’s nicht. Wir hätten Buaira sehen müssen“, schimpft Lena.

„Das kostet uns eine Stunde Zeit. Wir müssen den Weg zurück zum Silsersee finden und es sind noch rund drei Stunden um den See. Plus Umwege …“

„Nach Maloja ist sowieso falsch. Wandern wir zurück.“ „Hey Michael, schau da unten, das muss es sein. Warum haben wir das nicht gesehen? Wir sind genau die Strasse hochgekommen!“, ruft Lena einige Minuten später.

„Es ist halt hinter dem Hügel. Bist du sicher?“

„Ja. Wir haben die riesigen Heidelbeerfelder und die Weiden angeschaut. Und sonst auf nichts geachtet!“

Das ‘Heididorf’ bzw. der Ort Grevasalvas nähert sich erneut. Das Motorengeräusch eines nahenden Fahrzeuges von hinten lässt sie aufhorchen. Es ist der schwarze Lieferwagen. Er fährt vorbei und parkiert in Grevasalvas. Lena und Michael folgen der Alpstrasse abwärts. Zehn Minuten später stehen sie erneut vor zwei Hinweistafeln: Plaun da Lej oder zurück nach Grevasalvas. Und eine kaum sichtbare Waldstrasse biegt rechts ab.

„Das ist so eine unnütze Wegweisung. Wo geht es jetzt nach Buaira?“

„Keine Ahnung. Dann eben weiter geradeaus!“

Fünf Minuten später schaut Lena in die Standortanalyse im Handy. „Es ist falsch! Wir müssen zurück und die Waldstrasse nehmen. Das ist die einzige Chance herauszufinden, ob wir richtig sind!“, entscheidet sie.

Michael sieht Lena grimmig an: „Warum schildern die nicht richtig aus?“ Ein kurzes Waldstück führt sie in eine neue Talsenke. Das plätschernde Wasser im Bach am Wegrand wirkt beruhigend. „Da hinter dem Felsen ist ein Haus“, zeigt Michael. Bald tauchen mehr Gebäude auf. „Endlich!“

„Was macht dich so sicher, dass es Buaira ist?“

Müde, hungrig und wortlos wandern sie auf den Ort zu …

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