Das alte Schindelhaus

Sie hatte sich vorgenommen, nach dem Besuch ihrer Mutter im Alters- und Pflegeheim endlich hinzufahren. Im Zimmer der Mutter hängt ein Bild des alten Hauses, das aufgenommen wurde, als sie 16 war. Jetzt ist sie 55 und fühlt das Bedürfnis zurückzukehren.

Das einstige Bauerndorf in der Zentralschweiz hat sich gewaltig verändert, seit sie es mit 19 Jahren verliess. Gottlob hat sie ein Navigationsgerät im Auto – so findet sie die Kreuzung, wo sie rechts abbiegen muss. Die breite, geteerte Strasse war einmal eine einfache Naturstrasse. An einige ältere Häuser zwischen all den neuen erinnert sie sich gut. Auch an den munter sprudelnden Bach an der linken Strassenseite und das Wasserreservoir weiter oben. Daran fährt sie jetzt vorbei, an den grünen Hügeln und den alten Birnbäumen auf der rechten Seite.

Nach zwei weiteren Kurven entdeckt sie es, parkiert an der Strasse etwas oberhalb und steigt aus. „Eine Insel umringt von neuen Häusern! Es sieht genauso aus wie damals“, denkt sie. Vierzig Jahre Raum und Zeit trennen sie von dem uralten und überraschend klein wirkenden Haus, das lange Jahre auch eine elf-köpfige Familie beherbergte. Das Haus, dessen Fassaden mit dunklen, halbrunden Holzschindeln bedeckt sind, ist Teil eines Doppelhauses und gehörte zu einem Hof. Die riesige Linde links davon, sie steht noch. Da war die Kieseinfahrt, nebenan ein Teil des Gemüsegartens, davon übrig ist einzig der alte Pflaumenbaum. Fassungslos und wie angewurzelt steht sie da.

Nach einer Weile atmet sie tief durch, gibt sich einen Ruck und nähert sich ein paar Schritte. Die Eingangstür, die lange Bank am Haus und der Briefkasten – es ist, als sei sie erst gestern hier gewesen. Sie fühlt sich, als würde die Zeit versuchen, sie zu verschieben. Im selben Moment spürt sie ihre Füsse, sie steht mit beiden Füssen fest verwurzelt auf der Strasse. Ein paar Schritte weiter die Strasse runter schaut sie an die Frontseite des Hauses, wo die Triebe der alten Traubenstöcke immer noch die Fassade hochklettern. Zuunterst sind die beiden Kellertüren aus dunklem Holz. Sie riecht die modrige Feuchtigkeit von damals, fühlt den festgestampften, kalten Erdboden unter ihren nackten Füssen. Die Kellerräume waren stets gut gefüllt mit Kartoffeln, Gemüse und Eingemachtem. Ihr Blick reisst sich los, wandert hoch zu den Fenstern im Erdgeschoss: zu den Fenstern der Stube und einem Schlafzimmer. Im Stock darüber das Elternschlafzimmer und links davon ihr Zimmer, das sie mit einer Schwester teilte. Links und rechts an den Fassaden im ersten Stock befinden sich die geschlossenen, sehr zugigen Holz-Veranden unter dem Dach. Ihr Blick wandert hoch zum letzten Schlafzimmer unter dem Dachgiebel, das sich inmitten von Estrichräumen befand. Im Sommer waren alle Fenster mit roten Geranien oder Begonien geschmückt, das gehörte sich. Sie selbst kann diese Blumen nicht ausstehen.

Der Blick schweift wieder nach rechts unten zum Balkon im Erdgeschoss, der sich unter der Veranda befindet. Sie muss von der Frontseite des Hauses einige Schritte weiter die Strasse runter gehen, um den ganzen Balkon einsehen zu können. Die grüne Holzlatte ist tatsächlich noch da. Das erinnert sie an das Gespräch mit ihrer Mutter vor ein paar Stunden. „Das Haus wird immer noch bewohnt. Diese Menschen haben aber auch kein Glück. Und die grüne Holzlatte am Balkon, die ist auch immer noch da“, erzählte die Mutter lachend. An diese grüne Latte kann sie sich selbst nicht erinnern, doch daran, dass sie als Kind oft auf diesem Balkon stand. Zum Schuhe putzen, Wäsche waschen und aufhängen. Arbeiten. Am hinteren Ende des Balkons: das Plumpsklo. Ohne weiches, rosa geblümtes Toilettenpapier, aber Zeitungspapier. Neugierig geworden geht sie über die Wiese, der Balkonseite entlang weiter nach hinten. Die Scheune. Sie stand hinter der grossen Linde und wurde schon vor langer Zeit abgebrochen, machte Platz für ein Mehrfamilienhaus. Stallarbeiten. Das hasste sie von ganzem Herzen. Wie war das alles so alt, dreckig und sumpfig und was für ein lebendiger, farbenfroher Anblick ist das jetzt.

Sie dreht sich um und geht zurück zur Strasse, umrundet das alte Haus in die andere Richtung, bis in die Nähe des Hauseingangs. Niemand ist zu sehen. Hinter dieser Eingangstür befand sich ein Vorraum: die „Garderobe“ der dreckigen Stiefel und Jacken und das alte Holzbuffet, wo die Milch in einer grossen Schüssel aufbewahrt und sauer wurde. Eine Tür führte in die Küche mit dem eisernen Kochherd, der mit Holz befeuert wurde und einem Ofen zum Einfeuern des Kachelofens. Hier wurde gekocht, gebacken, gegessen, gewaschen, im Zuber gebadet, gezankt, gelitten und manchmal gar Feste gefeiert. Da stand der Tisch, um den sich alle drängten. Daneben die Stube mit dem grünen Kachelofen, wo im Winter Steinkissen aufgewärmt wurden; dem Parkettboden, den sie auf Knien jede Woche wienern musste. Später wurde ein dunkelroter Spannteppich draufgeklebt. Hässlich. In Gedanken kehrt sie zurück in den Vorraum und steigt die knarrenden Stufen der schmalen Holztreppe hoch in den ersten Stock. Der breite Kamin dominierte den Raum, wo die Mutter Fleisch und Wurst räucherte. Hier gab es einen weiteren Schlafraum, notdürftig mit Vorhängen abgetrennt. Das einzige Licht dafür kam von einem kleinen Fenster. Eine zweite, enge Stiege führte zum obersten Schlafzimmer. Falltüren an beiden Treppen schützten die unteren Räume vor der Winterkälte. Winter. Das bedeutete, über feine Eisblumen an den Fensterscheiben streichen und das ewige Heulen, wenn Wind und Sturm das Haus umwehten.

In diesem ehemaligen Räucherhaus aus dem 18. Jahrhundert wuchs sie auf. Es war ein Leben wie im Mittelalter. Heute und hier spürt sie ein totes, altes Haus mit düsterer Energie, in dem damals jeder Schritt knarrte und es nachts zwischen den Dielen und auf dem Estrich krabbelte. Der Vater hörte die Stimmen und sah die Bilder, die niemand mehr hörte und verstand. Einige hielten ihn deswegen für verrückt. Kann ein so kleines Haus so viele Menschen so verhängnisvoll beeinflussen? Ja, wenn die darin lebenden Menschen ihre Wunden nicht heilen, dann verbleibt die Energie im Haus und wirkt nach. Auch über Generationen. Es hätte die Aufgabe und die Chance der Eltern sein können, ihre eigenen Wunden zu heilen. Doch niemand verstand. Deshalb wurde weiter gelitten und Leben beeinflusst.

Würde sie hier einkehren oder wieder wohnen wollen? Sie steht in dreissig Meter Entfernung vor dem Haus. Vor bald vierzig Jahren zog sie aus und ging ihren eigenen Weg ins 21. Jahrhundert. Dreissig Meter Distanz, die ihr vorkamen wie der Weg einer Zeitreise, um drei Jahrhunderte zu überwinden. Das Haus weist sie ab. Sie lächelt. Sie kommt von hier, hier sind ihre Wurzeln und trotzdem … würde sie nicht mehr hier einkehren oder wohnen wollen. Nein! Es ist vorbei.

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