Arena am Wasser

Der Frühling tastete sich vorsichtig an den Murtensee heran. Die Sonne stand hinter einer dünnen Wolkenschicht, als müsste sie erst noch entscheiden, ob sie bleiben wollte. Die Luft roch nach feuchter Erde und Neubeginn. Kaum jemand war unterwegs.

In Muntelier stiegen wir aus dem Zug. Eine Quartierstrasse führte uns hinunter zum See, vorbei an stillen Häusern, zum noch geschlossenen Strandbad. Das Wasser lag ruhig da, grau und weit. Dann folgten wir dem Uferweg.

Hinter Bäumen verborgen waren Gärten, grosszügig und gepflegt. Villen neben kleinen, beinahe märchenhaften Häusern. Alles wirkte geordnet, ruhig – und doch auf Distanz. Der See war da, aber er gehörte nicht wirklich hierher. Oder vielleicht nicht mehr uns.

Nach einer Weile öffnete sich der Blick. Der Hafen von Murten lag vor uns, rund und weit, die Masten der Segelboote wie dünne Linien im Himmel. Die grossen Schiffe, die wir von unseren 3-Seen-Fahrten kannten, lagen ruhig am Steg.

Und dann war der Weg zu Ende.

Wir streiften das Städtchen nur am Rand. Die alte Mauer, die Türme, das Schloss – alles blieb auf Abstand, wie eine Kulisse. Wir folgten der Strasse weiter Richtung Meyriez.

Dann dieses Geräusch. Ein Krächzen, so dicht, dass es die Luft zerriss. Ich blieb stehen.

Von weitem wirkten die kahlen Baumkronen auf der anderen Strassenseite wie überwuchert – als hätten sie etwas Schwarzes, Fremdes angesetzt. Krähen sassen dicht an dicht, auf Ästen, in den Kronen, überall in ihren Nestern. Ihr Rufen überlagerte sich, wurde zu einem einzigen, rauen Klangteppich.

Für einen Moment war alles nur noch dieses Geräusch.

Ich dachte an „Die Vögel“. Und musste im selben Augenblick über mich selbst lachen.

„Vielleicht heisst das einfach, dass der Winter vorbei ist“, sagte mein Compagnon.

Ich nickte. Vielleicht war es wirklich so einfach.

Wir gingen weiter. Der See lag wieder neben uns – oder besser gesagt: hinter Zäunen, Mauern, Hecken. Grundstück um Grundstück. Als würde etwas bewacht, das eigentlich niemandem gehören kann.

„Eigentlich müsste der Zugang frei sein“, sagte mein Compagnon.

Neben uns war ein älterer Mann stehen geblieben. „Die Zäune gehören verboten“, sagte er knapp.

Ein Satz, der hängen blieb.

Und doch: Ich sah die anderen Seiten. Die gepflegten Wiesen. Die Ruhe. Das Bedürfnis, einen Ort zu haben, der einem gehört. Einen Ort, der nicht ständig geteilt werden muss.

Was würde passieren, wenn alle Zugang hätten? Wenn alle kämen?

Keine Antwort. Nur ein kurzes Schweigen zwischen uns. Und irgendwo, leise, nagte etwas anderes:
Neid.

Wir gingen weiter, durch einen schmalen Waldstreifen, der den Blick auf den See immer wieder freigab und gleich darauf wieder verschloss. Der Weg führte weg vom Wasser, hin zur Greng-Spitze, weiter nach Faoug.

Ein Weg am See – ohne See.

Nach gut zwei Stunden erreichten wir Avenches-Plages. Der Campingplatz lag vor uns, gross und in Bewegung. Hämmern, Stimmen, Kinder, die auf dem Velo lachend durch Pfützen fuhren und das Wasser hochspritzen liessen.

Saisonbeginn. Das Leben erwachte.

Wir setzten uns auf die Terrasse des Restaurants, direkt am See. Der Wind war kühl, das Essen einfach und gut. Für einen Moment war alles ruhig.

Dann gingen wir weiter.

Hinter dem Campingplatz wurde es stiller. Ein Waldstück, dann offene Felder. Schwarze Erde, schwer und tief. Hier war einmal Moor gewesen. Jetzt war es fruchtbares Land, geordnet, genutzt.

In der Ferne rauschte die Autobahn. Wir überquerten sie – ein Schritt von einer Welt in die nächste. Und standen wir plötzlich im Industriegebiet von Avenches. So hatte ich es mir nicht vorgestellt.

Doch wir gingen weiter, durch Wohnquartiere, den Hang hinauf. Stiegen eine Treppe hinauf, erreichten einen Parkplatz. Und dann lag es vor uns:

Das Amphitheater.

Ich blieb stehen. „Wie in Pula“, sagte ich. „Ein Ort zur Belustigung des Volkes.“

Für einen Moment war ich nicht mehr hier. Ich sah wieder die hohen Mauern, die weiten Bögen, die endlosen Steinstufen. Hörte Schritte, Stimmen, ein Echo aus einer anderen Zeit.

„Das hier ist viel kleiner“, rief mein Compagnon.

Ja. Kleiner. Und doch vertraut.

Die Form war dieselbe.
Die Idee war dieselbe.

Ein Ort für Menschen.
Ein Ort für Publikum.
Ein Ort für das, was man sehen will.

Später setzten wir uns ins kleine Café nebenan. Und dachten daran, wie wenig sich verändert hatte.

Die Arenen sind geblieben. Nur das Spektakel hat sich gewandelt.