Draußen, vor dem Fenster meines Arbeitszimmers, vollzieht sich das langsame Welken und Fallen der Blätter. Es ist kein plötzliches Sterben, sondern ein Loslassen in Zeitlupe. Ich frage mich: Wo ist die Grenze? Wann endete der Sommer mit seinen Gartenfesten, dem Geschmack von schmelzendem Eis und dem Widerstand des trockenen Bodens unter meinen nackten Füssen? Warum ist der Herbst so schnell davongeschlichen?
Das Echo des Überflusses
Der November schleicht nicht davon; er besetzt den Raum. Im Keller lagern die Gläser … lauter eingekochte Sommertage, in denen das Leuchten von Früchten, Gemüse, Kürbisse und Pilze konserviert sind. Es ist ein stilles Buffet für die kommenden dunklen Monate.
Ich erinnere mich noch gut an die letzten Streifzüge:
- Ich habe das tiefstehende goldene Licht gespürt, das die Haut nicht mehr verbrennt, sondern nur noch flüchtig streichelt.
- Ich habe das kühle Glänzen der Rosskastanien gesehen, die wie poliertes Mahagoni aus ihren stacheligen Hüllen quellen; die Hagebutten, die als rote Ausrufezeichen im verblassten Gebüsch stehen. Die Farbvielfalt des Herbstlaubes. Spinnweben, die über Nacht durch Nebeltröpfchen zu schweren, gläsernen Ketten geworden sind.
- Ich habedas Aroma frischer Pilze gerochen, die nebelfeuchte Erde in Wald und Wiese.
- Ich habe das Rascheln des Herbstlaubs unter meinen Füssen oder sein sanftes Knistern gehört, wenn es heruntergefallen ist.
- Ich habe die Früchte des Herbstes geschmeckt, Beeren, Esskastanien und essbare Pilze gesammelt.
Die Umkehr der Strömung
Jetzt hat der Wind gedreht. Er pfeift nicht mehr nur, er prüft die Standfestigkeit. Während ich die Gartenmöbel verstaue und die Erde mit Reisig zudecke, spüre ich die Analogie in meinem eigenen Körper.
In der Botanik gibt es diesen Moment, in dem die Pflanzensäfte aus den Kapillaren zurück in die dunkle Sicherheit der Wurzeln weichen. Genau das geschieht in mir. Das „Außen“ – die weiten Reisen, die lauten Feste, die Exponiertheit des Sommers – wird weggelegt.
Die Natur stirbt nicht; sie sammelt sich. Sie zieht die Wärme nach innen, dorthin, wo die Millionen Sämlinge unter der Kruste aus Frost auf ihre Stunde warten.
Das Spinnen des Kokons
Ich wechsle nicht nur die Garderobe, auch meine Säfte ziehen sich zurück. Mein Alltag ordnet sich neu, wird kleiner, dichter, privater. Wie eine Raupe, die sich ihr eigenes, intimes Netzwerk spinnt, verlege ich meine Welt in den Schutz meiner vier Wände.
Es ist eine notwendige Abschottung. Ein „dickeres Fell“ zulegen, wie wir sagen, aber eigentlich ist es ein weicherer Kern. Im Kerzenlicht und im Dunst eines Glases Wein werden die Gespräche tiefer, weil der Lärm der Welt draußen vom Regen verschluckt wird.
Dieser Übergang ist Arbeit. Er ist ein emotionales Gewitter, das den Staub des Jahres wegwäscht. Ich bin bereit für diese dunkle Zeit. Ich fahre das Tempo herunter, bis ich den Takt der Erde wieder spüre: den langsamen, stetigen Puls der Ruhephase.