Nach vier Stunden mit über 800 Stundenkilometern steige ich aus dem Bauch des Flugzeugs. Ich bin durcheinander. Gleissendes Sonnenlicht und Gluthitze empfangen mich. Ein Bus bringt mich in einen Touristenort, ins gebuchte Hotel. Entlang der Strasse zieht sich eine perfekt scheinende Fassade: kalkweisse Häuser reflektieren die Sonne, Palmen und leuchtend pinkfarbene Bougainvillea wiegen im Wind, Sukkulenten zieren Plätze und Wege. Die ersten Tage gewöhne ich mich an die Insel, geniesse bewusst Sonne, Wärme und einfaches, einheimisches Essen.
Mein erster Besuch gilt dem Meer. Der Himmel ist blau, von dunklen Wolken durchzogen, die aus dem Inselinneren kommen und wieder verschwinden. Ich überquere die Strasse, gehe über den weiten Strand. Mit Badetasche und Sandalen in den Händen stapfe ich durch den heissen Sand. Die Fusssohlen brennen, doch ich ziehe die Sandalen nicht an. In der Luft liegt der salzige Duft des Meeres.
Vor mir breitet sich das graublaue Wasser bis zum Horizont aus, zu dieser Linie, die wie ein Tellerrand wirkt. Die Wellen überschlagen sich, ziehen sich schäumend zurück. Die Oberfläche glitzert wie tausend Diamanten. Nur wenige Menschen sind hier, kein Baum, kein Schatten.
Der Sand ist dunkelbraun, die Farbe von Milchschokolade. Schwarze Flecken darin erinnern mich an Marmorkuchen. Ich lache laut. Der Passatwind treibt feine Sandwolken über den Strand, schmirgelt meine Haut, dringt in Ohren und Zähne. Ich tauche ins kalte Wasser, jauchze. Ein lange gehegter Traum hat sich erfüllt: Lanzarote.
Einige Tage später gehe ich hinter die weisse Fassade der Hotelmeile. Der Charakter der Insel ändert sich abrupt. Dunkles Gestein und Geröll, als hätte jemand die Erde aufgerissen und umgepflügt. Karge, braune Hügel im Hintergrund. Jeder einzelne: ein erloschener Vulkan.
Mit Yvette, der Inselführerin, fahre ich durch diese Gesteinswüste. Noch nie war ich Vulkanen so nah.
„Als vor 300 Jahren die Erde hier zum letzten Mal aufbrach, wurde ein Viertel der Insel zerstört“, erzählt sie. Elf Dörfer verschwanden unter der Lava, über 2’000 Menschen verloren ihre Heimat – und überlebten. Als sie zurückkehrten, fanden sie nur noch Krater, erkaltetes Gestein, wertloses Land. Sie mussten es aufgeben.
Und ich – ohne es je überprüft zu haben – war immer überzeugt gewesen, erkaltete Lava sei der fruchtbarste Boden überhaupt.
Vulkanland gleicht einer Mondlandschaft. Rot, schwarz und braun dominieren. Leere. Stille. Hitze. Ich stehe auf einer schmalen Strasse über einem Krater, mir schwindelt. Ich erahne die explosive Kraft, mit der Magma aus der Tiefe schoss, Felsbrocken bis zu fünfzig Meter hoch schleuderte und alles Leben unter sich begrub.
„Hier zu sein, wenn das passiert, wäre tödlich“, sage ich leise.
Doch dann sehe ich etwas anderes: hell gesprenkeltes Gestein an den Hängen, Felsen, als wäre geschmolzene Schokolade darüber geflossen.
„Flechten“, erklärt Yvette. Hunderte Arten erobern über Jahrhunderte das Gestein. Sie zersetzen die Lava, bereiten den Boden vor. Erst für Insekten, dann für Pflanzen. Wo das geschehen ist, wachsen heute Sukkulenten.
Neues Leben. Sehr langsam.
Wir halten an einem aktiven Magmaherd. Ich spüre die Hitze im Boden, halte heisses Vulkankies in der Hand. Trockenes Kraut entzündet sich innert Sekunden, Wasser schiesst aus der Tiefe wie ein Geysir. Feuer unter der Oberfläche – immer noch.
In den Aschetälern zeigt Yvette, wie Menschen trotz allem wieder anbauten. Die Asche sammelt nachts Feuchtigkeit und schützt tagsüber vor Verdunstung. Kaum zusätzliches Wasser ist nötig.
„Knochenarbeit“, sage ich. Yvette nickt.






Wenn die Erde Feuer spuckt, bedeutet das zunächst Tod, Vernichtung, Zerstörung. Erst sehr viel später beginnt neues Leben. Lava ist fruchtbar – aber nicht sofort. Nicht in menschlichen Zeiträumen.
Die Vulkanwüste lässt mich nicht los. Die Erde spuckt Feuer, wenn sie nicht mehr anders kann. Der Mensch auch.
Zerstörung ist kein Ziel, sondern ein Übergang.
Erst in der Asche zeigt sich, ob aus Wut verbrannte Erde bleibt –
oder der Anfang von etwas Tragfähigem.
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