„Avignon hat ein Problem: explodierende Kaffeepreise“, schrieb Midi Libre, als ich im Februar dieses Jahres in Südfrankreich ankam. Ich blieb an dieser Schlagzeile hängen. Nicht wegen des Kaffees, sondern weil sie eine Frage in mir öffnete:
Wie sehr musste sich Avignon verändert haben, seit meinem ersten Besuch vor sechs Jahren?
Ich wollte es mit eigenen Augen sehen. Für zwei Euro pro Person fuhren mein Compagnon und ich mit dem auffällig roten Linienbus durch die winterliche Landschaft des Languedoc in die Provence. Eine Stunde lang Dörfer, Felder, Weite. Dann, nach der Überquerung der Rhône-Brücke, ein abrupter Schnitt: Autokolonnen, die mächtigen Remparts, Verbauungen rund um die Altstadt. Avignon empfing uns nicht sanft, sondern hart.
Vom Bahnhof her gingen wir durch die Rue de la République Richtung Zentrum. Schon hier zeigte sich eine andere Stadt, als ich sie in Erinnerung hatte. Unerwartet viele Randständige sassen oder lagen an Hausecken, auf Treppen, mitten auf den Trottoirs. Sie tranken, bettelten, verlangten mindestens zwei Euro – darunter ging es nicht. Was mich zusätzlich irritierte: fast alle mit Handy, mit Musik im Ohr, laut telefonierend. In den schmaleren Gassen der Altstadt sahen wir Menschen, die Container durchwühlten. Die Polizei patrouillierte.
Gleichzeitig glitten im Minutentakt lautlose, kostenlose E-Navettes an uns vorbei. E-Autos erobern die Stadt. Avignon ist vermutlich sauberer, ruhiger geworden. Und doch fühlte es sich an, als bewegten wir uns auf einem fremden Planeten.
Überall Menschen, von Kindern bis zu Senioren, mit dem Blick auf den Handy-Bildschirm geheftet. Sie flanierten, hielten das Handy vor sich wie einen Kompass, telefonierten über Lautsprecher, tippten. In einem Park waren zur Mittagszeit alle Bänke besetzt. Ein Bild, das sich mir eingebrannt hat: Menschen sassen Rücken an Rücken auf Doppelbänken, vornübergebeugt, in der Sonne – verbunden nicht miteinander, sondern mit ihren Geräten. Wenn jemand nebenbei ein Sandwich ass, kamen Tauben in Schwärmen herangeflogen, wie in Hitchcocks Die Vögel. Sie kreisten die Bank ein, ohne dass der Mensch in der Mitte es bemerkte.
Und doch: Unsere kleine Couscousserie am Place de l’Horloge war noch da. Der Couscous schmeckte wie vor sechs Jahren. Ein kurzer Moment von Verlässlichkeit, fast Zärtlichkeit. Avignon, dachte ich, vergisst nicht alles.




Am Abend, als wir enttäuscht die Galaxy Avignon verliessen, lächelte uns Mireille Matthieu entgegen – der Spatz von Avignon, als Konterfei auf einem vorbeifahrenden Tram. Ein Bild zwischen Nostalgie und Marketing. Auf der Rückfahrt über die Rhône-Brücke schien es, als kehrten wir auf unseren eigenen Planeten zurück.
Wie überall bezahlten wir auch in Avignon 1,50 Euro für einen Kaffee. Explodierende Preise? Vielleicht. Doch mir scheint, Avignon hat andere, tiefere Probleme. Es ist eine Stadt im Wandel – von der Tradition zur Moderne, von Nähe zu Distanz, von gelebtem Alltag zu durchdigitalisiertem Raum.
Und irgendwo dazwischen stehe ich, verbunden mit Erinnerungen an ein früheres Avignon, und versuche zu verstehen, was bleibt, wenn sich alles verändert.
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