Denke ich an Südfrankreich, denke ich an die Garrigue. Diese Landschaft ist für mich kein Ort, den man besucht, sondern einer, in dem man geht. Sie liegt mir im wahrsten Sinne des Wortes zu Füssen. Ich wandere. Und mit jedem Schritt beginnt ein stilles Gespräch zwischen mir und diesem Landstrich.
Der Duft von Rosmarin, Thymian, Salbei und Lavendel begleitet mich. Der Mistral fährt durch die Blätter der Weiss- und Grüneichen, als wolle er mir etwas zuflüstern. Vögel zwitschern, Insekten sirren, zwischen Steinen erscheinen Anemonen, Lilien und Pflanzen, deren Namen ich nicht kenne. Ich muss sie nicht benennen – es reicht, dass sie da sind.
Eine Landschaft, die geworden ist
Die Garrigue durchzieht das Gebiet südlich der Cevennen. Heute gilt sie als typisches Bild Südfrankreichs, als etwas Ursprüngliches. Doch genau das ist sie nicht. Die Garrigue ist eine gewordene Landschaft. Sie entstand durch Nutzung, durch Brandrodung, durch menschliche Eingriffe über Jahrhunderte hinweg. Was heute wild erscheint, ist das Ergebnis von Anpassung.
Dieser Gedanke begleitet mich beim Gehen. Veränderung ist hier kein Ausnahmezustand, sondern der Normalfall.
Spuren dessen, was war
Auf meinen Wanderungen entdecke ich immer wieder Überreste früheren Lebens. Zerfallene Mauern, ehemalige Siedlungen, Terrassen, die einst Felder waren. Eine bäuerliche Gesellschaft lebte hier, arbeitete hier, gab diesen Raum schliesslich auf – wegen karger Ernten, wegen harter Bedingungen.
Kräuter und Blumen, einst kultiviert, haben sich verselbstständigt. Dornengebüsch und stachelige Sträucher drängen sich in die Ritzen der Mauern. Die Gebäude wirken, als schliefen sie. Nicht tot, eher vergessen. Die Natur nimmt sich zurück, was ihr einst abgerungen wurde.
Gegenwart zwischen Rückzug und Beharren
Und doch ist die Garrigue kein Ort der Vergangenheit. Noch immer wird sie bewirtschaftet – oft still, oft abseits. Ich wandere an Oliven- und Trüffelhainen vorbei, sehe Weinfelder, Weiden mit Pferden, Maultieren oder Ziegen. Und dann, unerwartet, tauchen renovierte Häuser auf. Sorgfältig instand gesetzt, tief eingebettet in die Landschaft.
Hier scheint die Zeit langsamer zu fliessen. Vielleicht, weil man sich bewusst für ein Leben entschieden hat, das Verzicht einschliesst. Vielleicht auch, weil die Garrigue keine Eile kennt.
Gehen als Erfahrung von Wandel
Beim Wandern verändert sich die Garrigue ständig. Eben noch gehe ich über breite Naturstrassen, dann über steinige Pfade in dichtem Eichenwald. Zweimal verliere ich die Orientierung. Plötzlich sieht alles gleich aus: Pfade, Trockenmauern, Sträucher, Bäume.
So muss sich Wandern im Urwald anfühlen.
Kurz darauf befinde ich mich in einer felsigen Landschaft, die an alpines Gelände erinnert – als würde ich einen Juraberg besteigen. Dabei bin ich nur 90 bis 150 Meter über Meer. Die Garrigue widersetzt sich einfachen Bildern.




Nähe, Verantwortung, Zukunft
Heute wird die Garrigue zunehmend als Raum für Freizeit entdeckt. Wandern liegt nahe – und doch wirft diese Entwicklung Fragen auf. Diese Landschaft ist robust und zugleich verletzlich. Wer hier unterwegs ist, trägt Verantwortung.
Gutes Schuhwerk, genügend Wasser, Kartenmaterial. Kein Datenempfang, kaum Orientierungspunkte. Alleingänge sind riskant, Nebensaisons sinnvoll, markierte Wege eine Notwendigkeit – auch wenn die Weite verführt.
Die Garrigue verändert sich. Sie hat es immer getan. Und während ich gehe, verändert sie auch mich – leise, ohne Aufforderung. Sie lehrt mich, dass nichts festgeschrieben ist: weder Landschaften noch Lebensentwürfe. Dass Spuren bleiben dürfen, ohne bewahrt zu werden. Und dass Nähe nicht aus Besitz entsteht, sondern aus Aufmerksamkeit.
Vielleicht ist es das, was mich immer wieder hierher zurückführt: Die Garrigue verlangt nichts. Sie bietet sich nicht an. Sie ist einfach da. Und im Gehen, im Wiederkommen, im Verlaufen und Wiederfinden erkenne ich, dass Veränderung kein Verlust sein muss – sondern eine Form von Zugehörigkeit.
Entdecke mehr von Gertrud Keller
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.