Wenn Freiheit leise verschwindet

Freiheit geht selten plötzlich verloren. Meist verengt sie sich langsam – durch Anpassung, durch Gewöhnung, durch das stille Gefühl, keine Wahl zu haben. Ich kenne dieses Gefühl. Und ich erkenne es wieder: in mir selbst und in vielen Situationen um mich herum.

Am Arbeitsplatz etwa: Ein Vorgesetzter fordert absoluten Gehorsam. Er droht, erniedrigt, setzt unter Druck. Oft fehlen ihm rechtliche Grundlagen oder reale Macht. Und doch wirken seine Worte. Nicht, weil sie legitim wären, sondern weil Menschen abhängig sind – vom Einkommen, von Sicherheit, von Anerkennung. Kreativität und Menschlichkeit verschwinden. Übrig bleibt Funktionieren.

Oder im Alter: Menschen werden ruhiggestellt, weil Zeit fehlt. Mobilität geht verloren, weil digitale Zugänge fehlen. Sie werden an den Rand gedrängt – nicht unbedingt aus bösem Willen, sondern aus Systemlogik. Auch hier verschwindet Freiheit leise.

Fremdbestimmung – keine Wahl haben

Fremdbestimmung beginnt dort, wo andere entscheiden und ich innerlich zurücktrete. Wo Anpassung zur Überlebensstrategie wird.

Der Duden spricht vom Bestimmtsein durch andere in einem Abhängigkeitsverhältnis. Für mich bedeutet das: Ich richte mich aus Angst vor Verlust nach Erwartungen. Und irgendwann fühlt sich dieses Sich-Fügen normal an.

Macht wirkt dort, wo auf sie reagiert wird. Wer tanzt, hält die Musik am Laufen. So werden Freiheit und Kreativität eingeschränkt – ganz ohne Gesetz, ganz ohne ausdrückliche Zustimmung.

Dasselbe geschieht, wenn Menschen glauben, sie müssten alles erdulden. Fremdbestimmung lebt von innerer Zustimmung – auch wenn sie aus Not entsteht. Und doch: Hinter Dominanz wie hinter Anpassung stehen Geschichten. Es geht nicht um Schuld, sondern um Muster.

Selbstbestimmung – der Weg zur inneren Freiheit

Selbstbestimmung beginnt mit einem Perspektivenwechsel. Mit der Frage: Was entspricht mir?

Sie bedeutet nicht, alles kontrollieren zu können. Sondern mir selbst wieder zuzuhören. Wahrzunehmen, was mir guttut – und was nicht mehr. Entscheidungen zu treffen im Kleinen: Nein sagen, wo ich mich verbiege. Ja sagen, wo etwas in mir lebendig wird.

Der dritte Weg

Im Weltgeschehen erleben wir immer mehr Dominanz, Gier und Machtspiele. Sie erzeugen Angst und Ohnmacht. Schnell stellt sich die Frage: Abwarten? Aushalten?

Ich glaube an Veränderung. Und ich weiss: Ein einzelner Mensch kann die Welt nicht allein ändern. Aber niemand ist völlig machtlos.

Zwischen Unterwerfung und Kampf liegt ein dritter Weg. Ein stiller, individueller. Wer den Fokus nach innen richtet, gewinnt Handlungsspielraum zurück – auch wenn das Aussen chaotisch bleibt.

Die Macht des inneren Neins

Wenn Menschen beschliessen, nicht mehr automatisch zu reagieren, verliert Macht an Wirkung. Ungehorsam beginnt leise. Mit einem inneren Nein. Mit dem Entschluss, nicht mehr mitzuspielen.

Diese Möglichkeit steht uns öfter zur Verfügung, als wir glauben.

Innerer Frieden

Was wir tun können, ist, in unserem eigenen Leben für Frieden und Freiheit zu sorgen. Innerer Frieden bedeutet nicht Verdrängung. Sondern Verantwortung für das Eigene.

Er wirkt nach aussen. Wie ein Stein im Wasser, der Kreise zieht.

Wie Selbstbestimmung wächst

Selbstbestimmung beginnt mit Fragen: Was ist mir wichtig? Welche Werte tragen mich? Wofür stehe ich ein?

Antworten verändern nicht alles auf einmal. Aber Schritt für Schritt. Mit Geduld, Unterstützung und auch Rückschlägen. Selbstbestimmung ist ein Prozess.

Eine Wahl haben

Das selbstbestimmte Leben liegt für mich zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung. Kein Idealzustand, sondern ein Ort, den ich immer wieder neu aufsuche.

Selbstbestimmung ist eine tägliche Entscheidung. Manchmal mutig, manchmal zögerlich. Aber jedes Mal ein Schritt zurück zu mir selbst.

Und genau dort beginnt Freiheit.


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