Essen statt Kaufen

Die Feiertage mit den üppigen Essen sind vorbei. Wir sind zurück im Alltag und die Arbeit des neuen Jahres hat uns auch wieder. Die Tage sind noch kurz, die Sonne geht spät auf und früh wieder runter.

Und alle reden vom Januarloch.

«Bedeutet das Januarloch nun Ebbe in der Haushaltkasse und leere Vorratsschränke, oder was?», fragt Michael. Wir sitzen zuhause beim Abendessen.

„Das gibt wohl eher ein Loch im Magen als im Januar.» Ich schmunzle beim Spiel mit den Worten, werde dann aber wieder ernsthaft. «Aber es soll schon vorkommen, dass Geldbörsen im Januar leer sind, trotz dreizehntem Monatsgehalt.»

«Im Büro erzählen die einen, sie verzichteten im Januar bewusst auf Alkohol.»

«Um zu sparen? Oder sagen sie dem dann Fasten oder Diät?» Ich spüre Sarkasmus in meiner Stimme und denke an ein befreundetes Paar: sie essen ein paar Wochen lang kein Fleisch ausser Lammfleisch, lassen Alkohol weg ausser Wein, lassen Beilagen weg ausser Pasta. Und das nennen sie dann ihre Diät.

«Menschen sinken im Januar oft aufgrund des schmuddeligen Wetters, der Kälte und Dunkelheit in ein stimmungsmässiges Loch. Das ist dann der Winterblues», rede ich weiter, über die Bedeutung von Januarloch sinnierend.

«Ja, aber, dann bleibt man doch einfach zuhause und beschäftigt sich, bis es vorbei ist», sagt Michael lakonisch. „Die Leute haben über die Feiertage sowieso alles gegeben, das fällt besonders in Skigebieten auf, wo die Pisten im Januar leer sind.», sagt der einstige Skifahrer.

Dann jucke ich innerlich auf. «Hör mal. Denke ich an JANUARLOCH, dann sehe ich sofort unsere Vorfahren vor meinem inneren Auge. Die haben nur ihre Vorräte zur Verfügung gehabt, um durch die strengen Winter zu kommen, vor allem Anfang Jahr. Sie haben nicht den Luxus gehabt, mal schnell um die Ecke einkaufen zu gehen. Und sind schnell in ein Winterloch gefallen, wenn sie nicht verantwortungsbewusst ihre Vorräte eingeteilt haben.»

Das hat sich entschieden geändert und dafür bin ich sehr dankbar. Obwohl ich nicht der Meinung bin, dass wir in den Zustand unserer Vorfahren zurückkehren müssen, finde ich auch nicht alles gut, was heute ist. Ich habe deutliche Grenzen, wenn teure und unreif importierte Lebensmittel wie Erdbeeren und Tomaten angeboten werden. Ich wähle konsequent die guten und gesunden Alternativen der Saison aus unserer Region.

«Lass uns im Januar unsere Vorräte verwerten“, schlage ich vor. „Wir leben während des ganzen Monats von den Früchten unserer Gartenarbeit aus dem letzten Sommer und Herbst – und kaufen nichts ein.»

«Ich möchte wissen, wie weit wir kommen, ohne einzukaufen.», sage ich leichthin.

«Bist du sicher? Nichts einkaufen?» Michael ist skeptisch. Sehr skeptisch.

«Ja. Komm mit. Du wirst sehen.»

Wir steigen in den Keller, meine einladende Armbewegung weist auf das Kellergestell, wo die Gläser mit dem Sommer und Herbst drinstehen und auf den gefüllten Tiefkühler. In den Gestellen lagert Reis, Polenta, Pasta und Mehl aus der Mühle. Vor Weihnachten habe ich Brot gebacken und eingefroren, das weit in den Januar reicht. Öl ist da und Apfelessig, den ich letzten Herbst selbst angesetzt habe. Es ist alles da, was ich für einen kreativen und abwechslungsreichen Ernährungsplan für mich und meinen Liebsten benötige.

Michael schaut mich mit blinzelnden Augen an. Ich sehe, wie seine Gedanken rattern.

Ich bin überzeugt: «Damit fallen wir garantiert in kein Januarloch.»

Michael schaut sich stumm um. «Das wird eher ein Januarloch in die Kasse des Supermarktes reissen», sagt Michael schelmisch.

Essen statt kaufen: Woche 1

Es ist beschlossen. Der Menüplan für die erste Woche ist rasch aufgestellt, die Resten aus dem Kühlschrank werden mit dem Angebot aus dem Tiefkühler ergänzt. Im Garten warten Wintergemüse und die letzten Salate darauf, geerntet zu werden. Salate? Die meisten der Wintersalate werden leider von unsichtbaren Mitessern gefressen, die uns nur den Strunk übriglassen. Uns bleiben nur wenige Salate.

«Januarloch! Nicht mit unseren Sparangeboten!», lese ich in den ersten Zeitungsausgaben der Supermärkte. Und viele andere Werbeslogan, die sich reimen und den Verkauf ankurbeln sollen. Die Sparangebote locken und ziehen mich magnetisch an, sie sind wirklich interessant. Kaufe ich für hundert Franken ein, spare ich zwanzig Franken … und sammle eintausend Punkte obendrauf! Das sind nochmals zehn Franken. Ich sehe einen prall gefüllten Einkaufswagen vor mir – nur mit Sparangeboten. Doch was soll ich mit

  • fünf Boxen Kleenex in Aktion, wenn ich Platz für eine habe?
  • Soissonbohnen in Dosen. Ich könnte mir die Einweichzeit sparen. Aber vier Dosen? Ich bräuchte grad eine für Weisse Bohnen in selbstgemachtem Tomatensugo! Was mache ich mit den anderen drei?
  • Vorrat aufbauen? Wenn ich doch gerade verwerten will, was ich habe?

Nein! ICH offeriere MIR ein Sparangebot!

„Ich gebe die hundert Franken nicht aus und spare damit einhundertdreissig Franken!“, das sage ich laut in den Raum. „DAS ist Sparen und wieviel Prozent Zins nochmal?“

Essen statt kaufen: Woche 2

Für den Menüplan der zweiten Woche steige ich wieder in den Keller. Dieser Plan erspart mir seit jeher sehr viel Arbeit in Bezug auf Einkaufen, nicht zu viel Geld ausgeben in Zeiten, in denen ich jeden Franken umdrehen musste und – um keine Lebensmittel zu verschwenden. Foodwaste vermeiden heisst das in Neudeutsch.

Der Plan ist geblieben. Die Vorteile auch.

Sommerfarben leuchten mir jetzt aus den Gestellen entgegen, ich reibe mir den vor Freude glucksenden Bauch. „Auf welche Farbe haben wir diese Woche Lust? Grün, rot, gelb, weiss?“, murmle ich vor mich hin.

Ich kontrolliere wirklich regelmässig die Einmachgläser. Trotz aller Vorsicht beim Verarbeiten kommt es vor, dass ein Glas auf einmal nicht mehr luftdicht schliesst und sich dann Schimmel bildet. Gewürzgurken habe ich eingemacht und genau darauf habe ich jetzt Lust.

Aber oha! Ist das nicht? … Es sieht milchig aus und der Deckel zeigt es mir. Ich sacke innerlich zusammen, meine Mundwinkel ziehen sich nach unten, meine Augen werden feucht. Die Arbeit umsonst gemacht! Schweren Herzens entsorge ich den Inhalt des Glases. Da bin ich konsequent, vergiften will ich uns nicht.

Das zweite Glas ist einwandfrei und – Yummi!

Auch diese Woche schaffe ich es locker, Essen aus den Vorräten auf den Tisch zu bringen. Wir essen einfach, schmackhaft, abwechslungsreich und tanken Sonne. Obst? Getrocknete Apfelschnitze sind der ultimative Snack, Traubenkompott, Apfelmus, eingemachte Apfelschnitze und Tiefkühlzwetschgen verwerten wir in Backwaren. Sie versüssen uns die dunklen Winterabende.

Essen statt kaufen: Woche 3

«Ich hol noch Brot aus dem Tiefkühler.», rufe ich Michael zu. Als ich die Kellertür öffne erfasst mich grosser Schrecken. Es piepst! Sehr laut.

„Nein! Bitte nicht“, flüstere ich.

Was ist hier los? Ich ziehe den Stecker des Tiefkühlers, warte einen Moment und stecke ihn wieder ein. Aber das Piepsen geht weiter. Ich renne die Kellertreppe hoch. «Die Digitalanzeige des Tiefkühlers blinkt wie verrückt!», rufe ich aufgeregt aus. «Wo ist die Gebrauchsanleitung?»

Die sagt, ich solle den Stecker für einen Reset ziehen und wieder einstecken. «Das habe ich gerade gemacht. Es blinkt weiter.»

«Kühlt er noch?», fragt Michael, der auf einmal neben mir steht.

«Keine Ahnung. Ich habe nicht darauf geachtet.», antworte ich. «Der Tiefkühler ist jetzt über zwanzig Jahre alt. Wenn der ausgerechnet jetzt aussteigt, dann ist alles futsch, was drin ist!»

Wir laufen in den Keller und wie ich mich wieder beruhige, höre ich, wie die Kühlung leise vor sich hin surrt. Ich atme aus, rufe die Herstellerfirma an, die sagen, ein Techniker ist erst in zehn Tagen verfügbar.

Uch … ja dann! Wir haben Glück. Es ist Winter. Trotzdem. Ich brauche eine Notlösung, falls das Gerät wirklich aussteigt!

«Wohin mit der Tiefkühlware, falls das Gerät jetzt aussteigt?», frage ich innerlich zitternd vor Sorge. Nach ein paar Anrufen ist das Schlimmste abgewendet. Wir dürfen die ganze Ware bei Kollegen unterbringen. Das beruhigt ungemein. Die Firma ruft zurück und verschiebt den Termin nach vorne. Wow – das ist Service!

Essen statt kaufen: Fazit

Ende Januar beschliessen wir, Essen aus den Vorräten im Februar weiter zu führen. Im Januar sind wir tatsächlich mit nur einem einzigen Einkauf von frischen Produkten über die Runden gekommen, die den Speiseplan ergänzt haben. Wir haben uns daran gewöhnt, jetzt im Keller einzukaufen und das Wintergemüse im Garten abzuernten. Die Gartenarbeit hat sich gelohnt, das Anbauwissen und die Erfahrungen im Haltbarmachen von Lebensmitteln werde ich weiter vertiefen.

«Unser Einkaufen und Umgang mit Lebensmitteln hat sich bewährt», sage ich eines Abends zu Michael. «Klar, der Alltag beeinflusst das alles, und wir haben in den letzten Jahren genau auf das hingearbeitet. Wir sind viel nachhaltiger und unabhängiger von Einkaufsdogmen geworden.»

«Und sind regional mit Märkten und Produzenten vernetzt.»

«Wir haben Lebensqualität gewonnen und sparen nebenbei viel Geld.»

Lebens-Mittel-Qualität! High-Five! Was ist da ein Januarloch!


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