Nach drei Monaten Ausbildung auf dieser Hochebene kam ich nach Hause zurück. Es war, als wäre ich in den Sportferien gewesen: Eine ständige Forderung und Entwicklung, ich fand es jedoch sehr sympathisch und impulsreich. Und während drei Monaten wohnte ich dort in einem ‘Tiny Haus’.
Zum Glück hatte ich eines für mich alleine. Es war eng, aber hell, ausgestattet mit einem Bett, einem Tisch samt Stuhl, einem Schrank und einem Regal, einem abgetrennten Sanitärbereich sowie einem kleinen Bereich für Nahrungsmittel und deren Zubereitung. Wobei gegessen wurde grundsätzlich in Gemeinschaft, in einem zentralen Haus. Die Grösse meines Tiny Hauses liess also meine Kleider und Bücher zu sowie einige Nahrungs- und Genussmittel.
Ich hatte Wände, die mich vor der Umgebung abschirmten. Mir wurde richtig bewusst, was früher die Funktion der Stadtmauer gewesen sein musste: Strenges Reglementieren und Kontrollieren, was und wen ich rein- und rausliess.
Ich hatte das, was ich gerade brauchte. Dinge horten war nicht angesagt, deshalb musste ich mir auch genau überlegen, wie ich meinen Müll recycelte, oder wie ich etwas wieder verwenden konnte. Das Tiny Haus war das Zentrum meines Lebens, von wo ich meinen Alltag möglichst effizient aufbaute.
Nun sass ich mit Rolf und Lisa, seiner Freundin, in deren grossen Wohnzimmer und trank ein Glas Wein. Lisa war eine Physiotherapeutin. Sie lud mich ein zum gemeinsamen Nachtessen. Ich erzählte ihnen von dem Leben im Tiny Haus.
«Wie in einer Zelle», sagte ich, «genau so habe ich mich gefühlt. Eingesperrt, als wäre ich eine Gefangene, die aber einen freiwilligen Einsatz in einer grösseren Zelle machte.»
Rolf lachte und Lisa sagte:» Zelle, das ist auch eine Körperzelle. Die Zelle ist der Baustein des Lebens mit dem Zellkern im Zentrum.»
«Du bist mein Zentrum des Lebens», sagte Rolf zu Lisa und küsste sie auf die Nasenspitze. «Und – es ist heutzutage im Leben auch besser, bei sich zu bleiben, im Zentrum, von wo aus man handeln und sein Leben selber bestimmen kann. Ist man ausser sich, kann man leicht den Verstand verlieren.»
Rolf ging in die Küche, um eine weitere Flasche Wein zu holen.
«Ich würde gerne wissen, wie eine Zelle im Detail funktioniert», sagte Lisa. «Meinst du, die Funktion einer Zelle kann man aufs Leben übertragen?»
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