Eine Sommer-Siesta

Nach wochenlanger Hitzewelle ziehen endlich wieder Wolken auf und am Tag zuvor gab es heftige Gewitter mit Sturmböen. In der Nacht regnete es und an diesem Morgen war es zehn Grad kühler. Beschwingt ging ich meine morgendliche Runde durch Felder und Wald. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nur Wasserlachen auf den Wegen begegnete ich und hie und da lagen ein paar Äste auf der Strasse, von den Windböen von den Bäumen gebrochen. Ein frischer Wind vertrieb weiter die Schwüle. Ich hielt ihm mein Gesicht entgegen. Jetzt – wird es kühler, dachte ich. Das wenigstens sagten die Meteo-Leute und die App auf dem Handy.

Es ist Sommer. Hochsommer. Und mein Körper war in letzter Zeit so damit beschäftigt gewesen, die Hitze zu ‘verdauen’, dass ich nicht einmal an Essen gedacht habe. Manchmal nahm ich kalte Speisen zu mir oder steckte mir rohe Nahrungsmittel zwischen die Zähne. Natürlich trank ich sehr viel. Und manchmal erzählen mir andere Menschen, dass sie in dieser Zeit Polenta mit Voressen oder Kartoffelstock mit Braten essen und sich danach nicht wohl fühlen. Mir dreht da der Magen um. Nach all den Jahren kenne ich meinen Körper und weiss, wie er tickt. Mich zwingen hilft nicht weiter. Sobald es kühler wird, würde ich automatisch wieder Lust auf Essen bekommen.

Nun sitze ich mit meiner Freundin Sophie auf der Terrasse unseres Lieblings-Cafés im Dorf, wir geniessen die Kühle dieses Morgens. Sophie hat gefragt, ob ich einen Kaffee mit ihr trinken wolle. Jetzt erzähle ich ihr von meiner Esserei in der Hitze.

«Vollgegessen», sage ich, «genauso fühle ich mich. So voll, dass ich nicht einmal an Essen denke. Ich mache grad Siesta.»

«Und ich bin so was von unproduktiv. Es ist Sommer und ich bin am Boden. So erschöpft wie nie bis jetzt», klagt sie. «Trotz Hitze und Ferien sind so viele Feste angesagt. Manchmal weiss ich echt nicht mehr, wo mir der Kopf steht und was ich tun soll. Ich will doch nichts verpassen!» Sophie streicht sich das dunkle Haar aus der Stirn, legt ihre Hände ans Gesicht und wiegt den Kopf hin und her. Sie scheint wie geknickt zu sein.

«Dann brauchst du vielleicht auch eine Siesta?», sage ich. Ich überlege mir, wie ich es sagen soll, denn was ich ganz und gar nicht tun will ist, ihr Ratschläge zu erteilen.

«Ich sehe die Sommermonate wie die Zeit nach dem Mittagessen und mache Siesta. Wie die Menschen im Süden. Ich nutze das konkret und lege mich im Hochsommer gerne unter einen Baum. Erinnere mich daran, was ich seit Anfang Jahr bereits geschafft und erlebt habe. Also was ich schon alles gegessen habe. Das ist meistens schon einiges.»

«Du meinst, da machst du so eine Art kleine Standortbestimmung?» Sophie schaut mich zweifelnd an. „Was hat das jetzt mit Mittagessen und Erschöpfung zu tun?“

«Dass Müdigkeit im Sommer natürlich sind und man das nutzen kann, Ereignisse und Eindrücke zu sortieren, wie Verdauen nach dem Essen. Aber ohne Stress und egofrei.»

«Und so entscheidest du, was wichtig und unwichtig ist … Indem du dich mit vollem Bauch quasi unter einen Baum legst.“ Sie schaut mich mit ihren grossen Augen an. „Bei Standortbestimmungen finde ich sowieso stets Ausflüchte, Pros und Kontras, um mich nicht entscheiden zu müssen. Und bei Hitze kann ich nicht mal an so was denken», brummt sie.

«Wenn du den Verstand entscheiden lässt, ist das so. Was aber, wenn dein Bauchgefühl die Arbeit für dich tut? Das wägt nicht so vernunftbetont ab. Aber es trennt wie beim Essen Gutes von Schlechtem. Und wirst viel mehr mit dem Herzen hinter Entscheidungen stehen.“

«Davon habe ich schon gelesen. Der Geist verdaue genau wie der Körper die vielfältigsten Arten von Nahrung.“ Sophie richtet sich wieder etwas auf.

„Das Bauchgefühl behält nur das Gute, Allerfeinste und Beste und beeinflusst damit sogar das Herz. Unnützes Zeug hingegen verlässt den Körper – wie die Verdauung das für uns so wunderbar beim Essen regelt.»

«Glaubst du das etwa?». Etwas verzagt schaut sie mich an.

«Sophie!“, rufe ich entrüstet. „Ich bin der lebende Beweis!» Ich schmunzle. «Mir ist es stets sehr wichtig, gut zu wählen, was ich zu mir nehme – nicht nur Essen. Auch Nachrichten, Filme, Feste und Partys. Es gelingt mir nicht immer, aber das muss es auch nicht. Es beeinflusst mein Bauchgefühl. Es ist wie ein Filter, der überlastet ist, wenn ich ihm zu viel Unverdauliches wie zu viel Essen, zu viel geistige Eindrücke und Reize zumute», berichte ich. „Dann wird auch das Herz und die Gefühle beeinflusst. Die Folge ist Müdigkeit und Erschöpfung.“

«Gefühle prägen Entscheidungen stärker, als man glaubt», murmelt Sophie.

Wir rufen die Kellnerin und bestellen uns einen weiteren Kaffee. Auf einmal richtet Sophie sich kerzengerade vor mir auf und strahlt.

«Und ich meinte unproduktiv zu sein. Hatte ein unglaublich schlechtes Gewissen. Dabei war es genau richtig. Dabei habe ich mich die letzten beiden Sommermonate gestärkt, als ich mich zu nichts zwang. Und jetzt – werde ich mit Lust und Freude aus all den Anlässen ein paar auswählen, die mir guttun!“ Ich nickte.

„Sehr praktisch, das alles mit der Verdauung zu vergleichen. Das Sortieren von Ereignissen geht fast automatisch … Geniessen ohne schlechtes Gewissen, statt mich zu sorgen.»

Beide rühren wir im Kaffee, den wir inzwischen serviert bekommen haben.

«Aber wie helfe ich mir zu entscheiden, was richtig ist?» Sophie juckt auf und meine Mundwinkel ziehen sich nach oben.

«Das geht am besten bei einem gutem Essen, das dich satt macht, erfrischt und gut schmeckt. Stell dir ein paar Fragen wie – Gefällt es mir? Stehe ich dahinter? Ist es wertvoll für mich? Ist es schön und gut? – Ein Spaziergang nach dem Essen und Aktivitäten in der Natur helfen auch. Du wirst sehen, du entscheidest besser, welche Informationen, Impulse und Eindrücke du aufnehmen willst. Oder, mit was du dich beschäftigen möchtest.»

«Also – Fragen wie – auf welchem Fest fühle ich mich wohl, was tut mir gut und was begeistert mich von der Idee her.“ Sie atmet tief aus. „Dann überlasse ich meinem Herzen das letzte Wort. Dafür brauche ich jetzt wirklich eine Siesta“, seufzt Sophie.

Mit dem Kaffeelöffel fuchtle ich vor ihrem Gesicht herum und grinse: „Und dann, wirst du garantiert etwas ganz anderes unternehmen.»


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