Schrebergarten-Krimi

Es war ein Abend im Mai, die jährliche Vereinsversammlung im Theatersaal war vorüber und die Mitglieder strömten hinaus, um im Foyer Essen vom Buffet zu holen.

Der hochgewachsene Mann mit den breiten Schultern, der sportlichen Figur und dem grauen Wuschelkopf, der vor Dora auf der Bühne stand, und mit seinen Vorstandskollegen sprach, war der Präsident des Schrebergartenvereins. Dora schaute zu ihm hinauf und musste den Kopf weit nach hinten legen. Sie rieb sich den Nacken. Sie sah einen attraktiven Mann, der kurz vor der Pensionierung stand. Seit zwei Jahren war er verwitwet. Er war ein Mensch, den sie gerne privat kennen lernen würde. Leider gab es bisher keine Gelegenheit dazu.

«Hallo Peter. Kann ich wegen der Toilettengeschichte mit dir reden?», rief sie hinauf.

«Ach Dora, schön dich zu sehen!», rief er ihr entgegen und lächelte. «Hast du schon die Täterin?»

«Ich kann gerne helfen, sie ausfindig zu machen.», sagte sie.

Peter stieg über die Bühnentreppe zu ihr hinunter. «Lass es uns besprechen», und zeigte auf den kleinen Tisch in der Ecke. Keine Viertelstunde später verabschiedete sich Dora.

Dora war eine leidenschaftliche Gärtnerin, aber auch eine erfolgreiche Amateur-Detektivin, die mit ihrem gesunden Menschenverstand und vernetzten Denken oft mehr erreichte, als der Polizei lieb war. Peter wusste das und war glücklich, dass sie dem Verein in dieser Geschichte half. Ihr Plan, wie sie diese Toilettengeschichte aufzuklären gedachte, überzeugte ihn.

Dora beeindruckte ihn als Frau und Mensch. Er hatte schon lange ein Auge auf ihr. Er kratzte sich an den Wangen, als er ihr nachsah. Sie war aber definitiv mutiger als er. Eines Tages hatte sie sich einfach einen grossen, komfortablen Wohnwagen gekauft, zog dahin und lebte jetzt da. Die attraktive Frau mit dem dunklen kurzen Strubbelhaar musste Mitte bis Ende 50 sein, und schien mit sich und der Welt im Reinen. Er biss sich auf die Lippen, denn er hatte bisher noch nicht einmal den Mut gefunden, sie auf einen Drink einzuladen.

Und Dora stand jetzt arg unter Druck. «Ich muss es schaffen, unter mehr als 210 Gartenpächtern einen Anhaltspunkt für die Täterin zu finden.», überlegte sie laut. Diese eine Toiletten-Anlage war dauernd abgeschlossen und konnte nur mit einem Schlüssel geöffnet werden, den alle Pächter hatten. Seit drei Monaten wurde die Frauen-Toilette im östlichen Teil des Gartens wöchentlich gezielt von oben bis unten beschmutzt. Peter hatte während der Versammlung einige Aufnahmen zeigen lassen und damit einen kleinen Tumult erreicht. Jede der Frauen unter den Pächtern kam in Frage.

Am anderen Tag rief Dora Klaus an. Als Ranger beaufsichtigte der Pächter seit einem Jahr im Auftrag des Vorstandes die Einhaltung der Gartenregeln, dazu gehörte auch die Reinigung dieser Toilette. «Peter und ich werden eine Woche lang von der Parzelle 193 aus die Ost-Toilette beobachten. Die liegt direkt gegenüber und bietet uns genügend Sichtschutz. Bitte geh normal deinen Aufgaben nach, du weisst offiziell von nichts, informierst mich aber bitte, wenn du etwas Ungewöhnliches bemerken solltest, gell.»

Sie lauschte eine Weile. «Verstehe. Du meinst also, Mali rächt sich? Danke für die Information, dem werde ich nachgehen», antwortete sie, verabschiedete sich und legte auf. «Das scheint mir doch keine so komplizierte Sache zu werden.», seufzte sie erleichtert.

Sie hatte vor, die WC-Besuche zu protokollieren und danach die Toiletten zu kontrollieren. So würde sie am schnellsten einen Anhaltspunkt bekommen. Ausserdem würde sie ein Auge auf die Parzelle neben der Toilettenanlage haben. Die Parzelle von Mali und ihrem Mann. Sie sei jetzt, Anfang Sommer, täglich da, wurde ihr zugetragen.

Am zweiten Morgen, nach einem kurzen Austausch im Garten-Café, stand Peter vor Dora: «Ich glaube, es ist Zeit, dass wir uns einmal privat treffen. So ganz ohne Arbeit. Hättest du heute Abend Zeit? Ich lade dich auf einen Drink ein. Was hälst du davon?»

«Ja viel. Danke für die Einladung. Ich bin heute den ganzen Tag im Garten und höre mich von da um. Ich freue mich.», antwortete sie.

«Dann bis heute Abend. Ich wache derweil über der Toilette.», lachte Peter.

Nach dem Mittagessen rief ihn Robert, sein Freund an und erinnerte ihn an den Männerabend an diesem Abend. Sie hatten das schon vor langer Zeit abgemacht. Elektronischer Kalender hin oder her, Peter hatte das glatt vergessen. Aber es war ihm wichtig. Widerstrebend sagte er Dora ab. Er hatte ein schlechtes Gewissen.

Am sechsten Tag war bei der Toilettenanlage immer noch alles ruhig. Nichts war bis jetzt passiert, die Anlage blieb sauber. Als ob die Täterin gewarnt worden wäre und sich nun einige Zeit ruhig verhielt, dachte Dora. Aber das würde sie je nach Motiv nicht lange durchhalten, war sie überzeugt. Kommt drauf an, wer die stärkeren Nerven hat … Sie gab nicht auf, und schlug vor, weiterzumachen.

Es war Peters Tag, er hatte sich extra einen freien Tag genommen und es war jetzt schon schwül. «Hör mal Dora, heute habe ich keine Termine, die ich vergessen könnte … Wollen wir unseren Abend nachholen? Hast du am Abend Zeit?», fragte Peter schon auf eine Absage gefasst.

Doras Augen blitzten: «Na gut. Treffen wir uns in der Schifflände, unten am Fluss?», sagte sie lächelnd.

«Das ist mir recht. Um acht Uhr?»

Sie hielt ihren Daumen hoch: «Du schuldest mir jetzt nämlich zwei Drinks.», erklärte sie ihm unumwunden, stand auf und ging.

Der Tag wurde heisser und schwüler. Irgendwann hatte Peter das Gefühl, die Hitze brenne ihm sein Gehirn aus und kämpfte gegen seine Müdigkeit. Gottlob gab es den Kirschbaum auf der Parzelle, in dessen Schatten er sich immer wieder zurückzog. Doch gegen 18.00 Uhr, seine Gedanken waren schon bei Dora und dem heutigen Abend, nickte er auf seinem Stuhl ein und schreckte auf, als ein frischer Wind ihn streifte und Regentropfen ihm ins Gesicht fielen.

Das gibt’s nicht, schoss es ihm durch den Kopf und sah auf seine Uhr. Er hatte tatsächlich drei Stunden geschlafen … Er fluchte leise vor sich hin, lief zur Toilette und öffnete die Tür. Der Gestank schlug ihn zurück. «Das darf nicht wahr sein», rief er aus, schlug die Türe zu und lief entnervt zurück zum Beobachterplatz, notierte, was er angetroffen hatte und ging verärgert nach Hause. Er konnte einfach nicht glauben, dass er diese Chance, die Täterin zu stellen, verschlafen hatte. Um zehn Uhr klingelte sein Telefon. Er nahm ab und hörte einen Moment mit, dann legte er seine Hand an den Kopf:

«Oh, Scheibe, auch das noch. Es tut mir leid.», und erzählte was passiert war. «Es tut mir echt leid, nun habe ich dich ein zweites Mal sitzen lassen. Das ist mir wirklich peinlich.»

Er vernahm ihre leisen Worte durch den Telefonhörer: «Dann lassen wir es einfach gut sein. Ich wünsche dir eine gute Nacht.» und legte auf.

Jetzt hatte er beide Treffen mit Dora vergeigt und ärgerte sich auch über sich selber. Es war offensichtlich nicht sein Tag. Die Chancen, Dora näherzukommen, waren nun auch vertan. Er sah nicht, wie sie mit einem nachdenklichen Anflug im Gesicht ihr Handy auf den Tisch legte und in die nächtliche Landschaft schaute.

Am anderen Morgen las Dora Peter’s Notiz und wunderte sich. Die Täterin musste demnach nach 18.00 Uhr die Toilette aufgesucht haben. Endlich Bewegung. Die Frage war, wie sie diese Sache weitertreiben konnte, ohne auf einen Zufall zu warten. Sie hoffte, Zenica sei schon da und lief zu ihrer Gartennachbarin, die mit ihren Gartentipps schon viele Male geholfen hatte. Sie jätete, als Dora bei ihr auftauchte und sie ohne Umschweife fragte:

«Zenica, du kennst doch diese Toilettengeschichte oder?»

«Ja, klar. Schlimm.»

«Gestern ist es wieder passiert. Gegen Abend, ohne dass wir eingreifen konnten. Leider. Ich brauche einen Hinweis, wer so was und warum tun könnte. Hast du vielleicht eine Idee? Jemand, der dir komisch aufgefallen ist?»

«Echt? Möchte auch wissen, wer so was macht. Aber ich habe keinen blassen Schimmer. Und nein, keiner, den ich persönlich kenne, würde so was tun.», sagte sie. »Ich war gestern noch dort, bevor ich nach Hause ging und es war sauber. Das war so gegen 18.00 Uhr.», erzählte sie weiter. «Die Frage ist doch auch, warum sowas geschieht. Aus Neid? Eifersucht?»

«Ich weiss auch nicht, wie jemand auf einen solchen Gedanken kommt. Es gibt so gar kein Motiv. Aber danke, du hast mir trotzdem geholfen. Du behältst das für dich, gell? Ich vertraue dir.», sagte Dora.

«Ich bin einfach eingepennt und habe niemanden gesehen, der in die Toilette ging. Das ist echt Scheisse.», sagte Peter zerknirscht, als sie sich später im Garten-Café trafen.

«Ja, und ich habe gestern auf dich gewartet, etwas gegessen und bin nach dann Hause gefahren.», redete Dora leichthin, mit ihren Gedanken woanders … Sie senkte ihren Blick, zeichnete mit ihrem Finger den Rand der Kaffeetasse nach.

«Was übersehen wir in dieser Geschichte? Es gibt bisher absolut kein Motiv.», berichtete sie, als Klaus, der Ranger, daherkam und sich zu ihnen an den Tisch setzte: «Kommt ihr voran?», fragte er.

«Nicht so recht.», sagte Peter. «Wir haben nichts in der Hand.»

Dora schaute Klaus von der Seite an. Sie war ihm noch nie so nahe gewesen wie jetzt und fühlte sich unwohl. Etwas Verschlagenes haftete ihm an. Je weniger ich mit ihm zu tun bekomme, desto besser, dachte sie. In dieser vergangenen Woche hatte sie ihn dreimal auf seinen Runden angetroffen. «Hinter der Toilettenanlage befindet sich der Garten von Mali und ihrem Mann. Die haben doch tatsächlich so einen afrikanischen Brot-Ofen gebaut.», erzählte er ihr beide Male. «Über zwei Meter hoch und direkt an die Parzellen-Grenze! Ich habe nach der Gartenkontrolle dafür gesorgt, dass sie den Ofen so schnell abbauen mussten wie sie ihn aufgebaut haben. Eine Schande, dass denen nicht gekündigt wurde.»

Oha. Dieser Einsatz scheint ihn ja sehr beeindruckt zu haben, ging Dora durch den Kopf.

«Ja, das war eine der Geschichten, die im Garten immer wieder mal vorkommen.», bestätigte Peter, als Dora ihn darauf ansprach. Er ging aber nicht weiter darauf ein.

«Ist es möglich, dass Mali oder ihr Mann sich für die Brotofen-Geschichte rächen wollen?», überlegte Klaus jetzt laut am Tisch. «Mali könnte aufgrund ihrer Herkunft an eine solche Selbsthilfeaktionen gewohnt sein, wohl eher als ihr Mann.»

Dora schaute ihn prüfend an: «Ich behalte sie im Auge, Klaus.» Dass er schon wieder mit dieser Geschichte kam, erschien ihr merkwürdig. Mali verhielt sich wie andere Pächter, nichts erschien Dora ungewöhnlich. Sie beschloss, ab jetzt alleine von einer anderen Parzelle aus weiter zu ermitteln. Das wusste aber nur Peter. Weitere drei ereignislose Tage vergingen. Doch dann, am dritten Tag, die Abenddämmerung fiel schon herein, hörte sie, wie jemand näherkam und dabei die Füsse über’s Kies schleifte. Sie war schon daran, ihre Sachen einzupacken und stellte sich an die grüne Hecke. Sie schaute zu, wie eine Gestalt in Kapuzenjacke sich der Toilettenanlage näherte. Sie war gross und schlank, und etwas am Gang der Gestalt irritierte sie. In der Dämmerung konnte sie wegen der Kapuze das Gesicht der Person nicht erkennen. Sie konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es eine Frau war. Es ärgerte sie. Und sie kam aus der Richtung von Mali’s Garten. Vorsichtig sah sich die Gestalt um und machte sich an der Frauentoilette zu schaffen. Als sie rauskam, sah sie sich wieder um, wie um sicherzustellen, dass niemand folgen würde. Sie schloss die Tür und schlich weg. Dora wartete einen Moment, ging schnell hin, öffnete die Tür: Es stank zum Himmel, sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass die Toilette von oben am Deckel bis über die Schüssel mit menschlichem Kot beschmutzt war, als wäre jemand auf der Schüssel gestanden, statt sich hinzuhocken, um sein Geschäft zu erledigen. Ihr Magen drehte sich um und sie hustete, schloss die Tür und ging zurück. Sie notierte alles und ging nach Hause.

Sie brauchte jetzt wirklich einen Drink. Schade ist Peter nicht da, dachte sie … Sie hätte jetzt wirklich gerne mit ihm geredet. Jemanden zu haben, der ihr mehr bedeuten könnte, davon träumte sie lange Zeit nicht mehr. Die Erfahrungen ihres bisherigen Lebens hatten ihr gereicht und sie genoss das Alleinsein. Doch in letzter Zeit kamen diese Gedanken wieder öfter … Jetzt fragte sie sich jedoch, was das Motiv in dieser Toilettengeschichte war? Wirklich übel. Die Person musste einen grenzenlosen Hass in sich herumtragen, der dann beim kleinsten Impuls in eine Toilettenverwüstung ausartete. Doch was für einen? Das war primitivstes Verhalten.

Am nächsten Morgen, sie sass noch im Garten-Café, kam Klaus zu ihr: »Heute Morgen habe ich die Schwarzafrikanerin aus der Toilette verschwinden sehen, und als ich ankam, fand ich alles total verdreckt vor!», sagte er, senkte seinen Blick und seufzte: «Ich geh jetzt einmal mehr putzen!», und ging weg.

Dora sah ihm nachdenklich nach. Er schien ihr etwas zu nervös zu sein heute Morgen. Sie kannte Mali bisher nicht und es war jetzt Zeit, ihr einen Nachbarsbesuch abzustatten. Einige Minuten später stand ihr eine stolze Afrikanerin gegenüber, hochgewachsen und schlank. Sie war freundlich und freute sich sichtlich über ihren Besuch, bot ihr einen Kaffee an, der Dora sehr schmeckte. Er war anders, als der Kaffee, den sie kannte.

«Wir haben eine ganz andere Kaffeetradition bei uns zuhause und bereiten ihn auch anders zu.», erklärte sie und lächelte dabei.

«Du sprichst ja unsere Sprache geradezu perfekt.», sagte Dora überrascht.

«Oh danke. Ja, wenn ich schon hier lebe, will ich das. Mein Mann und seine Familie haben mir sehr dabei geholfen.», sagte Mali lächelnd. «Und ich bin immer noch dran.»

«Aha. Und du bäckst auch selber dein Brot oder? Ich habe die Geschichte von deinem Brot-Ofen gehört … das hat sich rumgesprochen», ergänzte Dora, als Mali sie erschrocken ansah. «Was war denn das für eine Geschichte?»

«Oh mein Gott. Ja, ich habe oft Heimweh und habe wohl so oft von den Brot-Ofen von zuhause erzählt, die mein Mann ja auch kennt, dass er mir spontan einen gebaut hat. Leider hat er die Vorschriften nicht richtig beachtet.», erzählte sie. «Nach der Gartenkontrolle haben wir ihn auch sofort wieder zurück gebaut und nun schauen wir, wie wir zu einem Ersatz kommen und die Vorschriften einhalten.», erzählte sie. «Seither kommt dieser Klaus oft vorbei und schaut sich im Garten um. Er steht auf einmal einfach da. Der ist mir unheimlich.», sagte sie weiter, «als wollte er etwas von mir oder kontrollieren, dass wir nichts mehr bauen. Keine Ahnung.» Sie senkte beschämt ihre Augen und presste die Lippen aufeinander. «Diese Toilettengeschichte ist auch ganz seltsam, nicht? Heute Morgen musste ich hin und die war total voller Kot, ich bin schnell weggegangen. Dass das gleich neben unserer Parzelle passiert, gibt mir und meinem Mann schon zu denken.», sagte sie mit zittriger Stimme.

Das alles hörte sich für Dora nicht nach Jemanden an, der aus Vorsatz die Toilette verwüstete, um sich zu rächen. Nach einer Weile dankte Dora für den Kaffee und verliess Mali. «Komm jederzeit wieder, ich würde mich freuen. Dann wirst du auch mal meinen Mann kennenlernen. Er kommt meistens nach der Arbeit her.», rief sie Dora nach.

Dora wirkte erleichtert. Sie hatte jetzt definitiv eine Fährte und vier Tage später begann sie an ihrem Plan zu zweifeln. Doch dann tauchte die Kapuzengestalt auf, wieder kam sie in der Dämmerung, schlich zur Frauentoilette, sah sich um, öffnete und trat ein. Und diesmal war Dora bereit. Sie filmte. Auch, als die Gestalt die Toilette verliess, sich umsah und verschwand. Wieder war das Gesicht nicht zu erkennen. Das wurde gut geplant, dachte sich Dora und ging hin, öffnete die Tür, hielt den Gestank aus, filmte. Sie schloss die Tür, ging zurück, packte ihre Sachen und machte sich auf nach Hause.

Am Tag darauf lud sie erst Gemüsesetzlinge in ihrem Gartenhaus ab, bevor sie sich mit Peter im Garten-Café treffen wollte. Auf dem Weg zum Café stutzte sie. Einige Meter vor ihr ging ein Mann. Dieser Gang, den kenne ich doch, dachte sie. Er hatte keine Kapuzenjacke an. Es klickte und alles machte Sinn. Nur fehlte immer noch das Motiv. Sie musste ihn überrumpeln.

«Ich war heute Morgen bei Mali zum Kaffee.» sagte sie Minuten später zu Peter. «Sie hat mir vor ein paar Tagen schon von Klaus’ komischen Besuchen in ihrem Garten erzählt und dass ihr jedes Mal unwohl ist.», sagte sie. «Und jetzt kommts. Gestern Abend habe ich den Kapuzenmensch gefilmt. Und das will ich dir zeigen.»

«Schiess los!», sagte Peter, und sie zeigte ihm das Video.

«Aber das ist doch …!»

«Genau! Das ist er, ich bin überzeugt. Aber nicht eindeutig zu identifizieren. Es ist nicht Mali. Er hat mich bewusst auf eine falsche Fährte gesetzt, nur das Motiv ist mir unklar.», redete Dora weiter.

«Dein Video ist auch kein Beweis, wir brauchen ein Geständnis.», sagte Peter. Er schien zusammenzufallen auf dem Stuhl, strich mit der Hand über den Mund, legte sie wieder auf den Tisch.

«Er ist hier, ich habe ihn gesehen.»

«Na dann.» Peter rief ihn an und zitierte ihn her. Der Mann, der später auf den Tisch zukam, ging wie immer und schleifte ein wenig sein linkes Bein nach. Es fiel nicht gleich auf, wenn man es nicht wusste.

«Hallo, Klaus», grüsste ihn Peter.

«Guten Morgen. Was ist denn los?»

Peter schaute ihn durchdringend an: «Dora hat den Scheiss-Täter gefunden.», sagte er mit gefährlich leiser Stimme.

«Den Täter?» Klaus’ Augenlider zuckten und er wurde blass.

«Ja, genau. Dora zeigt es dir. Setz dich.», befahl er ihm.

Ausdruckslos starrte er auf das Handy in Dora’s Händen, dann änderte sich sein Gesichtsausdruck abrupt. Er presste den Mund zu und schaute auf den Tisch.

„Warum, Klaus?“, fragte Dora.

«Die verdammte, schwarze Hure hat mich beleidigt!», zischte er.

«Aha. Du gibst also zu, dass du dieser verkleidete Mistkerl bist, der jede Woche vorsätzlich die Frauentoilette beschmutzt? Und die Schuld auf Mali lenkt?»

«Ja, sie ist schuld. Sie ist mir aus dem Weg gegangen, seit sie den Ofen abgebaut haben. Und Schande darüber, wie die auch noch ohne Konsequenzen aus der Ofensache herauskamen!»

«Du bist beleidigt, weil sie DIR aus dem Weg geht? Weil DU schliesslich ein Mann bist? Was wolltest du mit dieser Scheiss-Aktion erreichen? Dass sie dich beachtet?», mischte sich Peter ins Gespräch.

«Sie ist nur eine dreckige, kleine, schwarze Hure, die nicht in diesen Garten und besser nach Afrika zurück spediert gehört.» rief er mit vor Hass brennender Stimme aus.

Peter schüttelte ungläubig seinen Kopf: «Du hast ihr deinen Dreck vor die Gartentür geschissen, weil du der Meinung bist, sie gehöre nicht hierher? Und ich Blödmann gab dir eine Chance, trotz deiner Vorstrafe wegen Hasskriminalität. Aber deine Fremdenfeindlichkeit hat hier keinen Platz. Ich habe dir vertraut und geglaubt, dass du dein Problem im Griff hast, verdammt noch mal. Du hast mich abgrundtief enttäuscht!», redete er mit erhobener Stimme. Er redete sich richtiggehend in Rage und holte Luft, bevor er weitersprach: «Ich kündige dir deine Parzelle. Pack deine Sachen und verschwinde. Und – Ranger warst du in diesem Schrebergarten genauso das letzte Mal. Du wirst das alles noch schriftlich bekommen. Dora ist Zeugin und wir haben den Film. Du musst also nicht versuchen, dich aufzulehnen. Im Verein werden es alle erfahren und wir werden Anzeige gegen dich erstatten! Räum deine Parzelle und lass dich hier nicht mehr blicken! Hier bist nicht mehr länger willkommen!»

Klaus sah Peter wütend an, stand auf, ballte seine Fäuste, liess los und verschwand.

Dora und Peter blieben sitzen, sahen sich an. «Er kann froh sein, dass ich nicht auch noch die Polizei rufe.»

So klärte Dora den Fall also auf. Doch sie hatte Peter noch nie in einer solchen Verfassung erlebt und war erstaunt über seinen Ausbruch. Sie sass ruhig da und blickte ihn an, wartete.

«Mein Gott, ich hatte einen jüngeren Bruder, der genauso einen Fremdenhass hatte. Weiss der Teufel warum. Von zuhause hat er das jedenfalls nicht so mitbekommen. Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, wollte er bei mir wohnen. Bis er wieder richtig Fuss gefasst hätte, wie er sagte. Ich gab ihm die Chance nicht, wollte, dass er es selber schaffte. Stattdessen rutschte er weiter ab. Ein Jahr später starb er bei einer Schiesserei mit der Polizei.», erzählte Peter ihr. «Ich bin schuld an seinem Tod.»

«Wie schrecklich», murmelte Dora. «Das ist doch nicht deine Schuld.», flüsterte sie weiter. «Hast du deshalb Klaus diese Chance gegeben? Weil du ein schlechtes Gewissen hattest?»

«Ja, aber du kannst es machen wie du willst, wenn du ihnen helfen willst, hilfst du ihnen nicht.», sagte Peter resigniert.

Dora blieb eine Weile stumm, dann legte sie ihre Hand auf seine. „Hör mal, hast du heute Abend Zeit für einen Drink?»

«Wieso?», fragte er erstaunt.

«Bei mir am Wohnwagen. Heute um acht Uhr? Wir werden über deinen Bruder reden und ihm sagen, dass wir an ihn denken.» …



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