Ich habe nicht viel von den Kastanienwäldern gesehen, für die das Bergell so bekannt ist. Zum einen befinden sich die Edelkastanienwälder viel südlicher im Bergell als wir uns aufhalten – ab Bondo bis Castasegna. Zum anderen sind wir für das jährlich im Oktober stattfindende Kastanienfest viel zu früh hier.

Immerhin: einige Grade mehr Wärme haben uns dazu verführt, mit dem Postauto von Silvaplana zum ersten Ort des Tales nach den Serpentinen am steilen Malojapass hinunter zu fahren. Wir, das sind Lena, also ich und Michael, mein Wanderpartner.

Ich habe mich bei der Abfahrt spontan ans Fenster des Busses gesetzt und mein Magen rotiert gerade hilflos. Der Bus ist in den Serpentinen am Malojapass angekommen, der Fahrer holt aus und fährt schwungvoll über die Gegenfahrbahn in die Kurve. Ich schlingere mit, mein Körper drückt gegen Rolf, und ich kneife meine Augen zusammen, seufze und wünsche mir, wir wären schon unten angekommen. Ich kralle mich am Rucksack fest und stemme meine Füsse in den Boden …

„Ich kann da nicht hinuntersehen“, sage ich hilflos und drehe meinen Kopf zur Bergseite.

„Der Busfahrer kennt jeden Zentimeter dieser Kurven und fährt sie ja mehrfach pro Tag. Er kennt die Strecke im Schlaf“, sagt Michael, als wäre es das selbstverständlichste der Welt.

„Ja, gerade deshalb. Das könnte ihn unvorsichtig werden lassen, oder nicht? Ich bin froh, wenn wir unten sind.“, antworte ich kleinlaut, mein Gesicht nach jeder neuen Kurve zur Bergseite drehend. Ich zähle die Kurven nicht mit … Ich habe genug zu tun, weil mein Gedankenkarussel dreht: Was, wenn dem Bus ein anderer Wagen auf der Gegenfahrbahn entgegenfährt und nicht vor der Kurve anhält … Was, wenn der Bus über die Abschrankung hinausfährt …

Ich darf nicht weiterdenken, das hält mein Magen nicht aus! Michael hat recht: Ich will dem Fahrer vertrauen und werde nicht meine Angst siegen lassen, denke ich nach einer Weile des Haderns und das beruhigt mich ein wenig. Ich schaue nach vorne und sehe den jungen Fahrer von hinten …

Und endlich. Wir kommen in Casaccia an, dem Ausgangsort für die heutige Wanderung. An der Haltestelle Villagio steigen wir zusammen mit ein paar weiteren Wanderern aus. Ich bin erleichtert und heilfroh, festen Boden unter meinen Füssen zu spüren. Ich atme tief durch und merke erst jetzt, wie ich während der Fahrt die Luft angehalten habe!

Ich sehe mich um und erkenne die Pension Stampa wieder: „Hier habe ich vor über fünfzehn Jahren auf meinen Wanderungen durch das Engadin und Bergell eine Nacht verbracht!“, sage ich auf das Gebäude zeigend, „Hast du Lust zu schauen, ob wir einen Kaffee bekommen? Nach dieser Fahrt kann ich einen gebrauchen.“

«Ich bin dabei», tönt es von hinten.

Doch die Pension von damals hat sich verändert. Sie ist ein B & B geworden, das nur Pensionsgäste bewirtet, das Restaurant und die Bar sind geschlossen. Schade! Der Kaffeehalt mit Anschluss an meine Erinnerungen entfällt. Wir stehen da auf 1’458 Metern über Meer und es gibt keine weitere Einkehrmöglichkeit. So wandern wir los durch die Wiesen, auf der Via Panoramica Richtung Süden.

Die Via Panoramica ist ein landschaftlich spektakulärer Höhenweg durch das Bergell und führt nach Soglio. Wir haben heute nicht vor, bis dort zu wandern. Bald nach Casaccia biegen wir rechts ab in den Wald, überqueren die Maira und folgen alten Pfaden durch Mischwälder, die bekannt sind für ihre leuchtenden Herbstfarben. Die Natur ist jetzt noch nicht so weit. Wir erfreuen uns heute an dem fantastischen Kontrast der dunkelgrünen Farbe der Wälder und dem wolkenlos blauen Himmel … Der Herbst naht jedoch in grossen Schritten, der würzige Duft von trockenem Nadelholz in der Nase und das warme, goldene Licht der Sonne im Gesicht erinnern uns daran. Auf der anderen Talseite haben wir stets die Kulisse mächtiger Bergzacken vor Augen, die den Himmel zu berühren scheinen. Wir begegnen mehreren Herden grasender Kühe und passieren sie mit Respekt. Der Weg ist abwechslungsreich und bietet immer wieder fantastische Ausblicke in das Tal.

Das Bergell ist ein sehr abgeschiedenes Tal. Doch der Stempel der Zivilisation ist unübersehbar mit der gewaltigen, das Tal dominierenden Sperre des hochgelegenen Albigna-Stausees; eine einzige Strasse durch das Bergell verbindet das Oberengadin mit Italien; Hochspannungsleitungen hangeln sich durch das ganze Tal. Gegenüber Löbbia treffen wir auf den kleinen Stausee eines Wasserkraftwerkes, dessen smaragdgrünes Wasser durch die Lärchenbäume leuchtet.

Am Stausee von Löbbia

Neugierig suchen wir die Wälder nach Kastanienbäumen ab in der Hoffnung, wie im Jahr zuvor Kastanien mit nach Hause zu bringen. Das bleibt Wunschdenken. Dafür begegnen wir Pilzsammlern, die wir an ihren Weidenkörben erkennen. Wir werden mehr als entschädigt als wir ganz unerwartet etwas anderes, etwas ganz Besonderes entdecken: wilder Hopfen. Der wächst hier massenweise beidseitig des Weges, entlang der Waldränder und an Böschungen.

„Wilder Hopfen wird als Spargelersatz in der Küche verwendet. Er wird in Öl eingelegt, getrocknet und als Tee aufbereitet, er helfe bei Schlafschwierigkeiten, wirke beruhigend oder man kann ihn zu Likör verarbeiten, soviel ich weiss.“

„Biertrinker sind also im Vorteil“, sagt Rolf verschmitzt lachend und wandert weiter. Er trinkt kein Bier …

„Dann wäre ja ein Bier trinken die Lösung, bevor ich in den Bus steige und den Malojapass hinunter fahre?“ Ich bin skeptisch.

Dann bleibe ich begeistert stehen: „Würde ich hier leben, könnte ich das voll ausnützen!“, rufe ich. „Im Norden des Tales Wilder Hopfen und Kastanien im Süden. Was für ein Segen. Es gibt viele Möglichkeiten, damit zu arbeiten.“ Ich lasse meinen Gedanken noch ein Weilchen freien Lauf, lasse das Träumen dann aber los und wandere Michael nach.

In Roticcio verlassen wir die Via Panoramica und steigen den steilen Hang abwärts in Richtung Vicosoprano. Trockenmauern, wilder Hopfen, leuchtend rote Hagebutten und mit orangen Früchten behangene Ebereschen säumen den Weg. Nach einer Weile stehen wir vor dem grossangelegten Campingplatz Mulin, überqueren danach die Brücke über die Maira. Das hier sehr breit gewordene Flussbett der Maira mit dem vielen Geröll und den grossen Felsbrocken lässt die wilde Urkraft des Wassers erspüren. Jetzt ist es gerade mal ein schwach rauschendes Rinnsal. Wir biegen in die ViaSett ein, ein Fernwanderweg, der von Chur nach Chiavenna und uns durch einen lichten Wald, vorbei an einzelnen Häusern und einem Bauernhof führt.

Blick auf Vicosoprano

Eine halbe Stunde später treffen wir in Vicosoprano ein, unserem heutigen Ziel. Wir schlendern durch die schmalen, gepflasterten Gassen des alten Hauptortes und bestaunen die alten Patrizierhäuser am Weg. In einer der schönsten spätgotischen Stuben des Bergell kehren wir ein und lassen uns in der herzlichen Atmosphäre des Hotel Corona kulinarisch mit frisch zubereiteten Speisen aus lokalen Produkten verwöhnen. Ein himmlischer Genuss.

Nachdem der Hunger gestillt ist, erkunden wir den Ort weiter. Bevor wir uns wieder über die Serpentinen des Malojapasses ins Oberengadin hochfahren lassen, stehe ich noch einmal auf der alten Brücke über der Maira, rund 1’100 Meter über Meer. Mein Blick geht hoch zu den Bergspitzen über Vicosoprano und verweilt dort. Meine Augen entdecken die beachtlichen Kluften an den Bergen, von Wasser und Schnee in die Felsen geschliffen und folgen ihnen, wie sie schlangenlinienförmig nach unten, direkt zum Dorf führen. Ich erinnere mich an den Bergsturz von Bondo vor einigen Jahren, ganz in der Nähe und wo die Spuren noch heute sichtbar sind.

„Es dünkt mich, dass die hier lebenden Menschen grosses Vertrauen in ihre Berge haben.“