Schrebergarten-Krimi

Der Mann, der vor Dora auf der Bühne stand und Papiere am Rednerpult ordnete, war der Präsident des Schrebergartenvereins. Die jährliche Vereinsversammlung im Theatersaal war vorüber. Dora schaute zu ihm hinauf und musste den Kopf weit nach hinten legen. Sie rieb sich den Nacken.
«Hallo Dora, schön dich heute zu sehen!», rief Peter ihr entgegen.
«Hallo Peter. Kann ich wegen der Toilettengeschichte mit dir reden?»
«Hast du schon die Täterin?», seufzte Peter.
«Ich kann gerne helfen, sie ausfindig zu machen.»
Peter stieg über die Bühnentreppe zu ihr hinunter. «Lass uns das besprechen», und zeigte auf den kleinen Tisch in der Ecke.

Keine Viertelstunde später verabschiedete sich Dora. Sie war nicht nur selber eine ziemlich gute Gärtnerin und Pächterin einer Parzelle im Verein sondern, auch eine erfolgreiche Amateur-Detektivin. Das wusste Peter und vertraute ihr. Jetzt stand sie arg unter Druck. Konnte sie unter mehr als 210 Gartenpächter einen Anhaltspunkt für die Täterin finden? Diese eine Toiletten-Anlage war dauernd abgeschlossen und musste mit einem Schlüssel geöffnet werden. Die Frauen-Toilette wurde seit drei Monaten wöchentlich gezielt von oben bis unten beschmutzt. Jede der Gartenpächterinnen kam in Frage. Peter liess während der Versammlung einige Aufnahmen zeigen und erreichte einen kleinen Tumult.

Am anderen Tag rief sie Klaus an. Der Ranger, der die Einhaltung der Gartenregeln beaufsichtigte und die Toilette putzen musste.
«Ich will mit dir eine Woche lang die Ost-Toilette beobachten und zwar von der Parzelle 193 aus. Die liegt der Anlage direkt gegenüber und bietet Sichtschutz. Bist du dabei?» Sie lauschte.
«Gut, dann treffen wir uns morgen im Garten-Café», antwortete sie und legte auf.

Eine Woche lang lagen sie abwechselnd auf der Lauer, notierten Zeiten der WC-Besucherinnen und kontrollierten die Toilette. Es war am sechsten Tag, sehr schwül, als Klaus einnickte. Als er aus seinem Schlaf aufschreckte, beobachtete er, wie Zenica die Toilette verliess und rasch wegging. Er lief zur Toilette, notierte „völlig verschmutzt“ und ging nach Hause.

Am nächsten Tag las Dora die Notiz und wunderte sich. Sie kannte Zenica, eine Frau mit grossem grünem Daumen, die allen half. Sie jätete, als Dora bei ihr auftauchte: «Du kennst doch diese Toilettengeschichte oder?»
«Ja, klar. Schlimm. Möchte wissen, wer so was macht?»
«Hast du keine Ahnung? Einen Hinweis? Gestern ist es wieder passiert. Gegen Abend.»
«Echt? Ich habe keinen blassen Schimmer. Ich war dort und es war sauber. Das war, bevor ich nach Hause ging. Komisch, dass du jetzt bei mir bist. Verdächtigst du etwa mich? Es war alles sauber.»

Ab jetzt wollte Dora ohne Klaus weiterfahnden, und wechselte den Beobachtungsplatz in die Parzelle 192, gleich neben 193. Klaus traf sie auf seinen Runden. Er erzählte Dora von Mali, der Schwarzafrikanerin, die mit ihrem Mann die halbe Parzelle hinter und die neben der Toilettenanlage gepachtet, und einen afrikanischen Ofen gebaut hatte. «Über zwei Meter hoch und direkt an die Parzellen-Grenze! Ich habe dafür gesorgt, dass sie den Ofen so schnell abbauen musste wie sie ihn aufgebaut hat. Eine Schande, dass nicht gekündigt wurde.»
Dora erschrak – noch nie hatte sie ihn so reden gehört …

An ihrem dritten Solo-Tag bemerkte sie, wie ein Mann in Kapuzenjacke sich der Toilettenanlage näherte. Etwas am Gang des Mannes irritierte sie. Vorsichtig sah sich der Mann um und machte sich an der Frauentoilette zu schaffen. Als er rauskam, sah er sich um, wie um sicherzustellen, dass ihn niemand sah. Er schloss die Tür und schlich weg. Dora wartete einen Moment, ging schnell hin, öffnete die Tür: Es stank zum Himmel, sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass die Toilette von oben am Deckel bis über die Schüssel mit menschlichem Kot beschmutzt war, als wäre jemand auf der Schüssel gestanden, statt sich hinzuhocken, um sein Geschäft zu erledigen. Ihr Magen drehte sich um und sie hustete, schloss die Tür und ging zurück.

Am nächsten Tag kam Klaus zu ihr: »Ich habe heute Morgen die Schwarzafrikanerin aus der Toilette verschwinden sehen, sie war dann verschmutzt!» Er senkte seinen Blick: «Ich geh jetzt einmal mehr putzen!»

Dora sah ihm nachdenklich nach und ging zu Mali. Dort erfuhr sie von Klaus’ eigenartigen Besuchen in ihrem Garten und – «Gestern, als ich auf die Toilette wollte, war die voller Kot! Ich habe es noch nie so angetroffen und bin weggegangen. Aber dass es gleich neben unserer Parzelle passiert, gibt mir und meinem Mann zu denken!»
«Erzähl mir, wie das war mit deinem Ofen.»
Und Mali erzählte. Sie habe oft Heimweh, weshalb sie sich einen Ofen im Garten wünschte, wie sie ihn von zuhause kenne. Ihr Mann habe spontan einen gebaut und leider die Vorschriften nicht richtig beachtet. Sie hätten den Ofen auch sofort wieder zurück gebaut.
Dora dankte und ging. Will Mali sich rächen? Aber es war ein Mann! Malis Mann? Sie hatte ihn noch nie gesehen …

Der siebte Solo-Tag kam. Dora begann bereits die Hoffnung aufzugeben, als sie den Kapuzenmann wieder sah. Er schlich zur Frauentoilette, sah sich um, öffnete und trat ein. Und diesmal wurde er gefilmt. Auch, als er die Toilette verliess, sich umsah und verschwand. Dora ging hin, öffnete die Tür, hielt den Gestank aus, filmte. Sie schloss die Tür, ging zurück, packte ihre Sachen und machte sich auf zum Garten-Café, wo sie sich mit Peter treffen wollte. Auf dem Weg stutzte sie. Vor ihr ging ein Mann – dieser Gang. Aber natürlich!

«Schiess los!», sagte Peter und Dora zeigte ihm das Video. «Aber das ist doch …!»
«Genau!» Dora berichtete.
«Dein Video ist aber kein Beweis, er müsste gestehen, sonst können wir ihn nicht festnageln.», sagte Peter. Er schien ein wenig zusammenzufallen auf dem Stuhl, strich mit der Hand über den Mund, legte sie wieder auf den Tisch. «Jetzt muss ich dir etwas sagen. Er ist vorbestraft wegen Hasskriminalität. Ich Blödmann gab ihm den Job, weil er versprach, sich zu bessern. Ausgerechnet. Dieser Sauhund! Hat der mich jetzt getäuscht!»
«Zitieren wir ihn her, er ist auf dem Gelände.»

Der Mann, der später auf den Tisch zukam, ging wie immer und schleifte ein wenig sein linkes Bein nach. «Hallo, Klaus», grüsste ihn Peter.
«Was ist denn los?»
«Dora hat den Scheiss-Täter gefunden.»
«Den Täter?» Klaus’ Augenlider zuckten und er wurde blass.
«Ja, wir glaubten lange, dass es eine Frau sein musste. Aber dann haben wir etwas beobachtet. Dora zeigt es dir.»

Dora zeigte ihm das Video auf ihrem Handy. Ausdruckslos starrte er darauf, dann änderte sich sein Gesichtsausdruck abrupt. Er presste den Mund zu und schaute auf den Tisch.
„Warum, Klaus?“, fragte Dora.
«Diese verdammte, schwarze Hure hat mich verarscht!», zischte er.
«Du gibst zu, dass du dieser verkleidete Mann bist, der jede Woche vorsätzlich die Frauentoilette beschmutzte?»
«Ich hab’s wegen ihr getan. Seit sie den Ofen abbaute, ging sie mir aus dem Weg. Schande darüber, wie die ohne Konsequenzen aus der Ofensache herauskamen!»
«Was wolltest du mit dieser Scheiss-Aktion erreichen?», mischte sich Peter ins Gespräch.  
«Sie ist eine dreckige, schwarze Hure, die nicht in diesen Garten und besser nach Afrika zurück spediert gehört.» rief er aus.

Rolf schüttelte ungläubig seinen Kopf, und erhob die Stimme: «Du hast ihr deinen Dreck vor die Gartentür geschissen, weil du der Meinung bist, sie gehöre nicht hierher? – Deine Fremdenfeindlichkeit war mir ja bekannt, aber das hat hier keinen Platz. Ich kündige dir deine Parzelle und – Ranger warst du heute in diesem Schrebergarten das letzte Mal. Du wirst das alles noch schriftlich bekommen. Dora ist Zeugin. Du musst also auch nicht versuchen, dich aufzulehnen. Im Verein werden es alle erfahren und wir werden Anzeige erstatten! Räum deine Parzelle und lass dich hier nicht mehr blicken! Du bist nicht länger willkommen, Klaus!» …

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