Der mit den vielen Namen!

Vor ein paar Jahren kam der Tag, da wollte ich ihn endlich mit eigenen Augen sehen. Da lebte ich schon seit einigen Jahren am Jurasüdfuss. Ungefähr zwölf Jahre zuvor las ich zum ersten Mal etwas über diesen Ort. Blanche Merz erwähnt den Ort in „Orte der Kraft in der Schweiz“, wo sie über die grosse messbare Kraft schreibt, welche von den Felsen reflektiert wird. Seit da war meine Neugier geweckt und ich wollte dahin. Damals lebte ich in der östlichen Hälfte der Schweiz und der Jura schien mir – auf der anderen Seite der Schweiz – praktisch unerreichbar. Jetzt Jahre später hielt ich das Buch wieder in den Händen. Das schien mir kein Zufall, sondern eher eine Aufforderung! Die Zeit war gekommen und wir fuhren endlich hin. Wir, das waren meine Wenigkeit und Michael, mein Wanderpartner.

Es war ein Sonntag im August – der Himmel war zwar bedeckt, doch der Tag in diesem trockenen, heissen Sommer versprach erneut heiss und schwül zu werden. Wir parkierten unser Auto am Bahnhof von Noiraigue im Val de Travers. Nebenan in der Herberge kehrten wir ein für unser Kaffeeritual. Ankommen am Ausgangsort. Es war ein lebhafter Sonntagmorgen im Dorf, viele Menschen schon unterwegs und die Terrasse der Herberge fast voll belegt. Dann brachen wir auf. Unser Ziel stand ganz unspektakulär auf dem Wegweiser. Ein Sentier, eine Wanderung von ungefähr viereinhalb Stunden Dauer. Ein Sonntagsspaziergang!

Der Weg führte uns erst einmal ostwärts. Die Wiesen waren voller verschiedener alpinen Blumenarten und mir fiel auf, dass das Gebiet ein Huflattich-Paradies sein muss. Der Huflattich ist eine der ersten blühenden Pflanzen im Frühling. Ich liebe diese kleinwüchsige Blume mit ihren goldgelb leuchtenden Blüten, die oft schon im Februar in grossen Beständen auf lehmigen Böden, an Strassenrändern oder in Steinbrüchen und bis in grosse Höhenlagen die warme Jahreszeit ankünden. Jetzt entdeckte ich an diesem Ort massenhaft ausgewachsene Blätter an ihren aufrecht wachsenden Blütenschäften. Bei der nächsten Weggabelung bogen wir in den Waldweg ein, um steil hinauf die Ferme Oeuillons zu erreichen. Auf dem ganzen Weg gab uns der Wald öfters die Gelegenheit für Ausblicke ins Val de Travers und auf die gegenüberliegenden Juraketten. Schon ziemlich weit oben angelangt, stand einsam und verloren ein Brunnen am rechten Wegrand. Abkühlen und Wasser trinken. Diese Erfrischung in der Schwüle des Vormittags tat gut. Bald nach dem Brunnen lichtete sich der Wald und wir traten hinaus auf eine Anhöhe, wo uns ein etwas schmuddeliger, chaotischer und abweisend wirkender Hof erwartete. Es war tatsächlich die Buvette Oeuillons! „Das ist aber kein Coup de Coeur, wie die es beschreiben!“, sagte ich und meine Mundwinkel zogen nach unten. „Ich habe eine kleine, herzige, gepflegte Buvette erwartet“, schmollte ich.

Die Sicht ins Val de Travers aber, über eine Landzunge hinaus und beidseitig eingerahmt von Wald, war einmalig. Die Ferme liegt ideal, um Gäste willkommen zu heissen – das könnte nicht besser sein. „Tja, trinken wir trotzdem etwas hier, dann können wir wenigstens die Aussicht geniessen“, erwiderte Michael. Wir traten ein und waren die einzigen Gäste.

Danach erwartete uns der Sentier des 14 Contours, der uns hoch zu unserem Ziel führte. Der Pfad wurde steiniger und steiler. Schritt für Schritt stiegen wir hoch. Die wilden Himbeeren und Walderdbeeren, die wir am Wegrand fanden, pickten wir laufend von den Sträuchern und steckten sie uns sogleich mit grossem Genuss in den Mund – süss und erfrischend. Ein einmaliger und schweisstreibender Aufstieg im Schatten spendenden Wald.

Und dann standen wir sprachlos davor: Der erste Teil der steil abfallenden Felswände am nördlichen Aussichtspunkt. Nein. Senkrecht in die Tiefe reichende Felswände! Gemäss Blanche Merz absorbieren die Felsen die Sonnenstrahlen und die Wärme und geben sie verändert wieder ab. Die Felswände werden zu Sendern und wir zu Empfängern dieser Energie.

Wir hatten nichts erwartet, waren aber neugierig … „Spürst du das auch? Mir geht’s auf einmal besser. Bin auf einmal wieder richtig erholt nach dem Aufstieg, völlig erfrischt“, rief ich Michael zu, der ein paar Schritte weiter unten am Wegrand stand.

„Ja, geht mir grad auch so! Die Schwüle und Hitze hat mir zu schaffen gemacht. War erdrückend. Ist weg!“, antwortete Michael.

Die von den Felsen abgestrahlte Kraft. „Ich spüre richtig, wie ich wieder hochgezogen werde. Merke erst jetzt, dass ich wie eingeknickt rumgelaufen bin! Das ist echt unglaublich!“, rief ich erneut.

Die Energie der Felsen direkt vor uns. Es erinnerte mich an die Worte von Blanche Merz: „Jeder bekommt das, was er braucht und nicht unbedingt das, was er wollte oder erhoffte.» … Wir hatten keine Vorstellung. Aber diese Erfrischung, die nahmen wir gerne. Einatmen. Aufsaugen. Es ging nicht anders! Ich sagte Danke dazu! Eine Weile später setzten wir unsere Wanderung entlang dieser unglaublichen Abgründe fort, hinauf auf 1453 Meter Höhe. Entlang eines einzigen beeindruckenden, fantastischen, riesigen Kessels, der mit Erdkraft gefüllt war und sie zusammenhält, wie mir schien … Jeder kann sich bedienen …

Oben beim Rastplatz La Baronne, wo es zur Cabane de Soliat abzweigt, rasteten und verpflegten wir uns aus dem Rucksack unter grossen, uralten Nadelbäumen und hinter den typischen Trockenmauern, die der Felswand entlang gebaut wurden. Das Picknick schmeckte an diesem Tag besser wie sonst. Mehr Geschmack? Das gewaltige Panorama entfaltete sich vor unseren Augen: unsere Blicke schweiften in die Ferne zu den Juratälern und Hochplateaus. Am Horizont sahen wir den Neuenburgersee und den Chasseral. In der Tiefe des Felsenkessels erblickten wir die Ferme Robert. Das Wetter wechselte jetzt sehr schnell. Dunkle Wolken zogen auf und entleerten sich – ein äusserst willkommener kurzer Regenschauer in diesem Sommer. Ein kühler Wind kam auf. Geschützt durch unsere Regenjacken zogen wir wieder los und standen alle paar Minuten still, um diese teilweise bewaldete, natürliche Felsenarena gewaltigen Ausmasses zu bestaunen. 160 Meter hohe, senkrechte Felswände umschliessen einen vier Kilometer langen und über einen Kilometer breiten Talkessel. Felswände, um die sich viele Geschichten ranken, inklusive den Versuch einer Erstbesteigung durch die Falconnaire-Wand in acht Akten. Das Wetter klarte jetzt auf, die Wolken zogen weiter. Wir umrundeten den Kessel und fanden den Einstieg in den Sentier du Single, eine Schlucht hinunter zur Ferme Robert. Der steil abfallende, steinige und schmale Weg die Felsen hinab benötigte unseren ganzen Gleichgewichtssinn. Mit unserem dritten und vierten Bein schafften wir das problemlos. Unterwegs wurden wir Zeugen eines unbeschreiblichen Schauspiels: Gämsen: „Schau da oben!“, rief Michael leise und stupfte mich an. Ungefähr fünfzig Meter oberhalb unseres Weges, auf einem umgestürzten Baumstamm, entdeckten wir, wie ein Muttertier die Umgebung beäugte und schnuppernd die Luft prüfte.

„Die lässt sich von uns gar nicht aus der Ruhe bringen“, sagte ich. „Hallo, die begrüsst uns!“ Still blieben wir stehen und beobachteten sie.

„Da sind Jungtiere! Es hat sich was bewegt im Gebüsch nebenan!“ tönt es erneut von Michael. Dann trat die Gämse ein paar Schritte zur Seite und liess ihre Jungen erscheinen. Sechs Jungtiere zeigten sich auf dem Baumstamm.

„Poah! Das ist ja eine Erscheinung!“ Wow! Das gibt’s doch nicht!“ „Das ist der Hammer!“…, redeten wir beide eine Weile durcheinander. Unsere Aufregung war gross – das erleben zu dürfen war ein Geschenk. Der Felsenkessel ist ein Naturreservat. Die Tiere fühlen sich sicher und geschützt in dieser unberührten Natur.

„Die Gämsenmutter betrachtet uns als Freunde und präsentiert uns total stolz ihren Nachwuchs!“, dachte ich laut. „Jööhh! Das ist richtig menschlich. Aber ich kann sie nicht einfach umarmen!“

Wir zwangen uns schliesslich, uns von dem Anblick zu trennen und setzten den Weg bergabwärts fort, um wenig später weitere ausgewachsene Gämsen anzutreffen. Am unteren Ende der Schlucht angekommen, bogen wir in den breiteren Waldweg ein, froh den steilen Abstieg geschafft zu haben. Bis kurz vor der Ferme ging’s weiter durch den Wald, ganz in die Tiefe. Vor der Ferme blieben wir zuerst sprachlos stehen. „Schau dir das an! Wo gibt es denn so saftige Grasebenen, wie das eine ist?“ rief ich mit grossen Augen und offenem Mund aus.

„Ja und dann diese Bäume erst, die sind so stark und gesund gewachsen!“, antwortete Michael.

Dazu kam, dass der bisherige Sommer sehr trocken war. „Das ist ungewöhnlich. Frisches, strahlendes Grün, wie nach kräftigem, andauernden Regen … das leuchtet einem direkt ins Herz! Erfrischend, erdige Kraft. Poah!“

Die Terrasse der Ferme Robert lockte uns. Wir sogen weiter von dieser friedlichen Atmosphäre auf und wanderten schliesslich den Rest des Weges hinunter nach Noiraigue, erreichten die Weggabelung, von der wir am Morgen in die andere Richtung hoch wanderten. Der Kreis schloss sich.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof konnten wir uns kaum satt sehen an der Rück- oder Aussenseite des Felsenkessels und verstanden, warum es der Ort ist mit den vielen Namen: Naturspektakel – Schweizer Grand Canyon – Felsenarena – Felsenzirkus – Gigantisches Amphitheater …

Oder ganz unspektakulär – Creux du Van im Kanton Neuenburg.

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