Ein Amphitheater kommt selten allein!

Ich war noch nie in Avenches! Mit meinem Wanderpartner machte ich mich auf eine leichte Seerundwanderung zum Frühlingsanfang. Es war ein Feiertag, der Himmel bedeckt, die Sonne drückte durch die Wolkendecke und es roch nach frischer Frühlingsluft. Ausser ein paar Jogger war keine Menschenseele unterwegs. Unsere leichte Wanderung begann am Bahnhof in Muntelier, das Ziel war Avenches.

Vom Bahnhof führte uns eine Quartierstrasse zum noch leeren Strandbad am See. Weiter links, dem Seeweg entlang, liegen private Anwesen am Uferweg, teilweise hinter grossen Bäumen und umgeben von grossen Gärten. Stattliche, herrschaftliche wie moderne Einfamilienhäuser wechseln sich ab mit winzigen Hänsel-und-Gretel-Häuser. Schon nach rund einer halben Stunde kamen wir beim grossen runden Hafen der Segelschule in Murten und der Anlegestelle für die grossen Passagierschiffe an, die wir in der Zwischenzeit von unseren Drei-Seen-Fahrten kannten. Was wir nicht wussten war, dass der Seeweg hier endete.

Am Rande des malerischen Städtchens Murten vorbei – im Blickfeld die gut erhaltene Stadtmauer mit den zahlreichen Türmen, das Schloss und die Bürgerhäuser – wanderten wir in Richtung Meyriez, der Hauptstrasse entlang. Auf einmal blieb mir fast das Herz stehen ob dem ohrenbetäubende Vogelkonzert: „Krächz-krächz-krächz-krächz-krächz!» Mehrere der noch kahlen Bäume auf der anderen Strassenseite beherbergten unzählige Krähennester. Von weitem sah es aus, als wären es Bäume voller Misteln. Die Baumkronen waren voll davon. Doch, es waren Krähen, die auf ihren Nestern und den Ästen sassen und aus tiefster Kehle ihre Melodie krächzten!

Alfred Hitchcocks „Die Vögel!» So viele Krähen auf einmal sahen wir noch nie. Nur, diese da griffen uns nicht an! Die Krähe erinnert mich stets daran, dass Gegensätze aufgelöst werden können: eine Sache hört auf, damit eine andere geboren werden kann. Doch statt mystisch zu werden, blieben wir im Hier und Heute. „Es könnte ja sein, dass es nichts anderes bedeutet wie, der Winter ist vorbei und der Frühling ist im Anzug“, meint Michael lakonisch.

„Das ist es, ganz einfach!“, antwortete ich lachend.

Kichernd setzten wir den Weg fort, entlang der Südseite des Murtensees. Private Liegenschaften besetzen dort das Ufer. Und alle sind sie eingezäunt. „Bleibt ja weg! Lasst uns in Frieden“, schienen sie zu sagen …

Wir standen da.

„Eigentlich sollte der Seezugang für die Öffentlichkeit obligatorisch sein“, sagte Michael.

«Die Eigentümer sollten verpflichtet werden, den Seezugang zu sichern», hörte ich das Votum eines unbemerkt stehengebliebenen älteren Herrn mit verkniffenem Gesicht: «Die Zäune gehören verboten!»

Ja, haargenau! Und die Personen, die das sagten, wären die ersten, die sich ein solches Anwesen am See unter den Nagel rissen. Natürlich bekämen sie es nur unter der Bedingung, anderen Menschen den Zugang freizuhalten.

«Und was, wenn die Menschen den ganzen Abfall auf euren gepflegten Wiesen liegen liessen, inklusive Hundedreck? Wenn sie vor euren Fenstern picknickten und ihr müsstet für die Infrastruktur sorgen? Und was, wenn ihr keine Ruhe mehr haben würdet, euer Anwesen zu geniessen, weil ständig irgendwelche Menschen herumliefen?» Meine Rede.

Ruhe. Keine Antwort. Sprache verschlagen? … Ich finde es wichtig, privaten Lebensraum zu respektieren, auch derjenige der hier lebenden Menschen. Schön für sie, wenn sie sich so ein Zuhause direkt am See leisten können … Ehrlich gesagt – an mir nagte ja auch der Neid!

Wir verabschiedeten uns von dem älteren Herrn und brachen auf durch den Laubwaldstreifen mit den versteckt liegenden Anwesen, der sich die meiste Zeit am See entlang zieht. Wanderten bis zur Greng-Spitze, weit ab vom See, erreichten den Ort Faoug und nach gut zwei Stunden Wanderung Avenches-Plages.

Ein Seeweg ohne Seezugang. Schnief …

Der riesige Campingplatz lag vor uns. Es hämmerte und bohrte, Zelte wurden aufgestellt, Wohnwagen neu installiert. Mehrere Kinder sassen brüllend auf ihren Velos und vertrieben sich die Zeit, mitten durch die Wasserpfützen auf dem Weg hin und her zu rasen und im letzten Moment die Beine hochzureissen, und sich mit Schlammwasser vollspritzen liessen. Pippi Langstrumpf lässt grüssen. Das Leben erwachte. Saisonstart. Da war das Schild, welches zum Parkplatz mit 600 Plätzen zeigte. Oha!

Wir hatten uns eine Mittagspause verdient und suchten das Camping-Restaurant auf. Vorne rechts, direkt am See lag es. Die Innenräume waren gerappelt voll, deshalb blieben wir auf der Terrasse. Ein kühler Wind wehte noch immer. Wir wurden schnell und freundlich mit leckerem Essen bedient. Gut gestärkt verliessen wir den Campingplatz am See in Richtung Avenches, dem Ort; bogen am Ende des Platzes links ab und passierten ein grosses Stück Wald. Der trennte einen Teil des Campingplatzes von demjenigen landeinwärts. Wir wanderten aber auf den Wegen durch die vorbereiteten Gemüsefelder. Schwarze Erde. Diese schwarze Erde, das Zeichen des ehemaligen riesigen Moores und jetzt Teil des Gemüseparadieses Seeland. Vor uns rauschte und brauste es auf der Autobahn. Wir überquerten sie und waren schon in Avenches. Und das – stellte ich mir auf jeden Fall anders vor! Wir waren mitten im Industriequartier angelangt. Die Moderne lässt grüssen. Wir wanderten weiter zum Bahnhof und folgten dem Wegweiser «Amphitheater» durch die Wohnquartiere in Richtung Altstadt auf dem Hügel. Schnell stiegen wir die steile Treppe hoch und gingen entlang des Parkplatzes. Und da war es – das römische Amphitheater. Ich blieb auf einmal stehen: „Das ist ja wie Pula!“, rief ich und staunte.

Unsere unvergesslichen Ferien in Istrien zogen an meinem inneren Auge vorbei! Ich stand vor dem Amphitheater in Avenches und fühlte mich sofort in das kolossale Amphitheater nach Pula versetzt. Ich erlebte noch einmal, wie wir durch dessen Gänge und unteren Räume liefen und zuoberst auf der langen Steinmauer standen, von wo wir das ganze noch existierende Innenleben betrachten konnten. Und das ist riesig!

„Das ist aber ein riesiges Amphitheater dort. Das hier ist vergleichsweise eine Miniaturausgabe!“, rief Michael mir zu, der weiter rechts stand und die Stufen zählte.

„Es kommt mir trotzdem vor wie eine Kopie. Zugegeben – eine sehr kleine Kopie, ja.“ Hier und Dort? Es verwirrte meine Sinne. Doch eigentlich erinnerte es mich einzig und allein daran, dass die Römer ihre Amphitheater überall in Europa in verschieden Grössen gebaut hatten. Nach dem immer gleichen Muster und Plänen. Schon sie kannten das Prinzip der Serienfabrikation. Es ist erstaunlich, was die Römer mit Menschenkraft da zur Belustigung des Volkes gebaut hatten. Orte von Überlebensfragen – meist unschuldiger Menschen. Gladiatorenkämpfe und Zirkusspiele.

Und heute? Ich wurde nachdenklich. Bei einer Pause im Café des Arènes nebenan löste ich das Rätsel. Die Amphitheater waren ‚Orte zur Belustigung des Volkes‘ geblieben. Heute sind die Anlässe etwas weniger blutrünstig und tragen Bezeichnungen wie Freiluftkonzerte, Freilufttheater, Freiluftopern …

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